Polyamorie, Eifersucht & Ruhe finden

Eine Person liegt in der Badewanne und raucht
Eine Person liegt entspannt in der Badewanne und raucht. (Foto von Bart Scholliers)

Seit dem „Anxious Polys Unite“-Text ist viel Zeit vergangen und nach viel Poly-Drama und Endzeitstimmung habe ich so etwas wie Ruhe gefunden. Ich, die sich für einen hoffnungslosen Fall hielt und der einiger Leser_innen des genannten Artikels rieten es sein zu lassen, wenn „es nicht für dich ist.“

Ich finde es bemerkenswert, dass Menschen, die monogam leben und sich wegen eines Seitensprungs in einer Krise befinden, lauter Tipps bekommen wie sie es wieder hinkriegen, während das einzige, was einige Leute eifersüchtigen Polys zu sagen haben „Lass es halt“ ist.

Dieses Entweder-Oder-Denken über Bord zu werfen war entscheidend, um meiner langersehnten Ruhe näher zu kommen.

Ich will meinen Weg rekonstruieren – ohne es als Ratgeber zu meinen. Ich weiß wie sehr eifersüchtige Polys eine Abneigung gegen Ratgeber entwickeln können. 😉 Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja ein weiter „hoffnungsloser Fall“ darin wieder?

Vorweg genommen: Dies ist mein Narrativ und es muss nicht deines sein. Damit bin ich schon bei meinem ersten Punkt:

Das eigene Narrativ finden

Lebenszeichen! Aussicht auf neue Texte: Rekonstruktion & Selfcare

Puzzelstücke auf einem Teller
Puzzelstücke auf einem Teller, von Tochter Kampfstrumpf

Ich habe dekonstruiert bis mir der Boden unter den Füßen wegbrach. Theoretische Konzepte, die als Werkzeug gemeint sind, um Machtverhältnisse zu analysieren, nahm ich mir zu sehr oder falsch zu Herzen, sie potenzierten mein Grübeln und meine Selbstzweifel bis jeder Aspekt meiner Identität wackelig erschien.

Ich gebe nicht der Theorie die Schuld, ich halte sie nach wie vor für nützlich. Es ist die Art und Weise, wie ich sie verinnerlicht habe und wie sie sich in meine depressive Endlosspirale einfügte.

Ich will Grenzen setzen können. Selfcare.

Aua. Es tut mehr weh als ich geahnt hätte, über Konsens zu lesen. Die Triggerwarnungen hab ich nicht ernst genug genommen. Die furchtbaren Kommentare auf den Blogposts haben Erinnerungen daran aufleben lassen, wie oft meine Grenzen gepusht wurden und wie oft kein Konsens da war, wenn ich mich auf Typen eingelassen habe.

[Trigger-Warnung: Grenzen pushen, was Typen so raushauen, Ende ist markiert]

Eine Bilderflut in meinem Kopf, Erinnerungen an Dialoge wie „Ich will eigentlich nicht überredet werden, mit dir zu pennen.“ – „Aber ich überrede dich nicht, sondern gebe bloß Argumente“, Sätze wie „Dann pennen wir halt zusammen in einem Bett und haben keinen Sex, wär das nicht ein Beweis, dass ich dich gern hab?“ oder „Dir ist schon klar, dass ich heut noch versuchen werde mit dir rumzumachen?“. „Dir ist schon klar…“, was für ein Satzanfang sexuelle Integrität auszudrücken. „Dass du meine Hand da weggemacht hast. Voll teeniehaft!“, um mir zu suggerieren, dass sich Teengirls ja voll ziemen und ich irgendwie… unreif bin, whatever.
Oder als ich es einmal geschafft habe „Nein“ zu sagen und dann gehen wollte (war bei ihm zuhause), er dann die Tür abgeschlossen und meinte „Nein, du gehst nicht nachhause, es ist zu gefährlich da draußen!“. Wenn ich sage „Ich will lieber nur chillen und den Sonnenaufgang beobachten“ kommt ein „Okay“ und nach drei Minuten der gleiche Scheiß! Die Liste ist lang…