Anxious Polys Unite!

Nicht wir Neurodivergenten, Eifersüchtigen und Unsicheren sind das Problem, sondern Poly-Ideale!

[Trigger-Warnung: Polyamorie und Ableismus, Erwähnung von Selbsverletztendem Verhalten im Abschnitt „Psychische Erkrankung versus abusive Relationship?“]

(cc) Annamaria B. – Bildbeschreibung: Zeichnung in Graustufen, zeigt Umrisse von Menschen, die alleine, zu zweit oder zu dritt, jeweils getrennt durch Wände, einander umarmen oder anders berühren. Einige Silhouetten sind dunkler: Diese Personen halten ihre Hände am Mauerrand und bilden so eine Kette.

Immer wenn ich mich in Poly-Kreisen aufhalte oder einen Ratgeber für polyamoröse Beziehungen aufmache, merke ich, dass ich nicht gemeint bin. Mein Eindruck ist oft, dass Polyamorie wie sie dort besprochen wird, für Menschen gedacht ist, die selbstbewusst und emotional stabil sind und auf keinen Fall eine psychische Krankheit haben. Oft stoße ich auf das romantisierte Bild vom Hippie-Poly-Haufen, wo die Partner_innen immer perfekt kommunizieren können und Eifersucht durch die einschlägigen Techniken kein allzu belastendes Problem darstellt. Ich kann verstehen, warum dieses Bild verwendet wird: In einer Gesellschaft, in der polyamorösen Menschen von allen Seiten gesagt wird, dass das ja sowieso nicht funktionieren kann. sind positive Darstellungen sehr nötig. Nur leider nicht sehr hilfreich für diejenigen, die sich überhaupt nicht darin wiederfinden können. Im Gegenteil: Sie erzeugen Druck diesem Bild zu entsprechen, sowohl in Poly-Kreisen als auch in der Monowelt, die jede Unsicherheit als den Anfang vom Ende wahrnimmt.
Dieser Text ist für alle, die in nicht-monogamen Beziehungen leben, ob sie sich poly, halb-poly, mono_flexibel oder ganz anders labeln, die mit Depressionen und/oder Anxiety, auf deutsch Angsterkrankungen, zu kämpfen haben und/oder mit mehr Unsicherheiten und Eifersucht umgehen müssen als andere Polys.

Nenn meinen Täter nicht Arschloch!

Warum Täter-Bashing für Betroffene grenzüberschreitend sein kann

[Content Warning: Kommentare auf Abuse-Erfahrungen, im Wortlaut nur Täter-Bashing, Victim-Blaming wird nur erwähnt.]

 Ich habe einen Text über mein Zwangsouting veröffentlicht, der inzwischen, zumindest vorerst, mit einem Passwort versehen ist. (Wer ihn gern lesen möchte, kann mir auf Twitter oder auf tochterkampfstrumpf[at]web.de eine Nachricht schreiben.) Warum? Als ich vor einiger Zeit mehrere Kommentare von völlig unbekannten Leuten auf den Text bekam, war ich zwar erleichtert, dass es sich nicht wie sonst um ungewollte Ratschläge oder sogar Victim Blaming handelte, doch was ich da sah, stimmte mich auch nicht gerade glücklich.

Alle Kommentare machten den Täter fertig, in diesem Fall meinen Vater und ich las häufig „Arschloch“ und Vergleichbares. Einige verstehen womöglich nicht, warum Täter-Bashing ein Problem ist. Deshalb dieser Text.

Ich bin mehr als Ms. Sexpositiv!

Ein paar Gedanken zu Sexpositivismus in queeren Räumen

Noch bis vor kurzem hätte ich mich selbstüberzeugt als „sexpositive Feministin” bezeichnet und Leuten, die abfällig von sexnegativen Feminist*innen als „prüde Emanzen” reden, erklärt, warum das total veraltet, Alicer Schwarzer ist und wie anders und cool ich bin.

Das liegt daran, dass mich der Sexpositivismus in queeren Räumen sehr empowert hat, ich ein anderes Verhältnis zu meinem Körper entwickeln konnte und mich weniger für Promiskuität, BDSM etc. schämte, auch wenn ich natürlich noch immer in einem Prozess stecke. Ich feier(t)e Lady Bitch Ray und „Feuchtgebiete”, traute mich plötzlich über Sex zu reden und nachzudenken, ohne mich hinter einem Schleier von Peinlichkeit zu verstecken. Ich traute mich Kurzgeschichten mit expliziten Sexszenen vorzulesen und sprach öffentlich diese Ironie oder Doppelmoral an, in der wir einerseits permanent von sexualisierten, normschönen Körpern umgeben sind, uns der Imperativ: „Hab Sex, sei alles außer prüde, kauf Dildos, guck Pornos!” in den Hinterkopf gepflanzt wird, während es andererseits als eklig und verstörend empfunden wird, wenn eine Frau ohne Hemmungen und vulgär über Sex und Körperlichkeit redet, als sei das eine Negierung ihrer Geschlechtsidentität.

scriptfehler (kurzgeschichte)

[Content Warning: Es geht um BDSM und enthält einige sexuell-explizite
Stellen. Außerdem behandelt es eine missglückte BDSM-Affäre, aufgrund
von Sprachlosigkeit, Sexismus, fehlender Awareness.]

Jemand hält ein BDSM-Halsband
ich drück mir die stöpsel tiefer in die ohren. der bus kommt, ich steige ein. song auswählen, den vom letzten mal, der die erinnerung frischer färbt. der bus fährt los.
ich schaue auf mein handy. hausnummer 21, hat Er geschrieben. dort wohnt Sie. Ich bin nicht aufgeregt. kein bewusstes atmen gegen die angst vor dem mut. nur ein versinken in der bassline und sich erinnern an Seinen satz: küss Sie, dass Sie nicht mehr aufhören will und mein Sie-mustern und abstellen des strawberrydaiquiriglas. der dumpfe klang auf dem tisch, meine armbewegung kündigen eine neue szene an. ab hier kein zurück mehr, das wäre ein scriptfehler. ein luftholen gegen die angst vor dem mut. und dann die feine pinselführung, Ihr rot geschminktes lächeln. es schmeckt süßlich und schüchtern. Sie will nicht aufhören, ist es, die mich wild umschlingt, Ihre beine um mich schließt. ich schmecke den duft in Ihrem nacken, rosa und ein bisschen bordeaux. ziehe die linie Ihrer taille nach. fühl mich viel zu groß, mit meiner hand, die Ihre ganze brust bedeckt. bin der macker aus den filmen mit einer zierlichen lady auf dem schoß. bin breitbeinig und überfordert. geschlechtergrenzen im kopf verwischen. ich bin gleichzeitig. genieß unsere neugierigen finger. sehe Ihn, wie Er uns beobachtet, mit selbtgefälligem grinsen: der anfang ist gemacht, mit lesbenintro, jetzt gehts los. Er merkt nicht, dass ich schwul bin, als ich Ihn liebkose. bin wieder frau, als Er mich in die knie zwingt. submissiv, masochistin: Er zieht mir meine alte rolle an. zieht mich aus.