Gute Opfer, schlechte Opfer

#MeToo: Warum ich schwieg, log und mich schämte und warum jede Form von Victim-Blaming gefährlich ist.

[Content Warning: Sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt, Freiheitsberaubung]

Zwei Stinkefinger, mit rot lackierten Fingernägeln, vor grünem Hintergrund.

Immer, wenn ich unter dem #metoo-Hashtag Erfahrungen anderer lese, höre ich die Stimme, die mir sagt: „Du darfst auch auspacken!“ und die Scham, die mich bei einem bestimmten Vorfall daran hindert. Aber ich habe mich endlich entschieden, das Erlebnis zu teilen. Davon wissen nur wenige Menschen, weil ich es oft nicht schaffe, darüber zu sprechen ohne mich selbst fertig zu machen. Egal, wie feministisch ich bin, es fällt mir trotzdem schwer, die Schuld nicht bei mir zu suchen. Das zeigt wie fucked-up Victim-Blaming und Rape Culture sind. Da aktuell ein Zeit-Artikel rumgeht, der Frauen dazu auffordert, sich einfach weniger zu schminken und nichts anderes als Victim-Blaming betreibt, führe ich anhand meiner Erfahrungen mal aus, was passiert, wenn man sich als Betroffene die Schuld selbst gibt. Kurze Antwort: Es spielt dem Täter in die Hände und fördert das Schweigen Betroffener. Nicht überraschend. Überhaupt ist das nicht etwa ein Thema, zu dem es nicht schon drölfzigtausend feministische Artikel gibt. Aber das reicht offensichtlich noch immer nicht.

Mein bester Freund – der Feminist, der Masku, das Chamäleon?

Eine Männerfreundschaft, die an Sexismus zerbricht: Here we go again!

[Trigger-Warnung: Abusive Friendship, körperliche Grenzüberschreitung/ fehlender Konsens: die Stelle wird im Text markiert]

Vor sieben Jahren haben wir uns kennengelernt und wurden beste Freunde. Ich will mich noch ein mal erinnern. Vor sieben Jahren, an Valentinstag, denn das ist der Tag, an dem eine gemeinsame Bekannte von uns Geburtstag hatte. Es war ihr 18. Ich stand inmitten dieser Party, wo Chartshits liefen und in meiner Gruftie-Hochphase. Nach einigen erfolglosen Versuchen locker zu werden, beschloss ich, dass der Abend so nicht enden durfte. Ich schaute mich um und sah dich: Du saßt allein mit deinem Bier an einem Tisch und sahst so gelangweilt aus wie ich es war. Ich setze mich zu dir, fragte dich, ob wir uns gemeinsam langweilen wollten. Wir blieben nicht lang bei Smalltalk, denn schnell kamen wir aufs Schreiben, ich Lyrik und Kurzgeschichten, du Raptexte. Als Gruftie hatte ich meine Vorurteile gegenüber Hip Hop, doch ich wusste auch, dass ich keine Ahnung hatte und hörte dir zu, um nachzuvollziehen, was Leute daran mochten. Später standen wir vor dem Partysaal und ich rauchte meine erste Kippe mit dir. Du fragtest, ob ich mit zu dir nach hause kommen würde, wo du mir die Uhrensammlung deines Vaters zeigen wolltest. Da das nach der plattesten Anmache seit Menschengedenken klang, fing ich laut an zu lachen und war mir sicher, dass du das nicht so gemeint haben konntest.

scriptfehler (kurzgeschichte)

[Content Warning: Es geht um BDSM und enthält einige sexuell-explizite
Stellen. Außerdem behandelt es eine missglückte BDSM-Affäre, aufgrund
von Sprachlosigkeit, Sexismus, fehlender Awareness.]

Jemand hält ein BDSM-Halsband
ich drück mir die stöpsel tiefer in die ohren. der bus kommt, ich steige ein. song auswählen, den vom letzten mal, der die erinnerung frischer färbt. der bus fährt los.
ich schaue auf mein handy. hausnummer 21, hat Er geschrieben. dort wohnt Sie. Ich bin nicht aufgeregt. kein bewusstes atmen gegen die angst vor dem mut. nur ein versinken in der bassline und sich erinnern an Seinen satz: küss Sie, dass Sie nicht mehr aufhören will und mein Sie-mustern und abstellen des strawberrydaiquiriglas. der dumpfe klang auf dem tisch, meine armbewegung kündigen eine neue szene an. ab hier kein zurück mehr, das wäre ein scriptfehler. ein luftholen gegen die angst vor dem mut. und dann die feine pinselführung, Ihr rot geschminktes lächeln. es schmeckt süßlich und schüchtern. Sie will nicht aufhören, ist es, die mich wild umschlingt, Ihre beine um mich schließt. ich schmecke den duft in Ihrem nacken, rosa und ein bisschen bordeaux. ziehe die linie Ihrer taille nach. fühl mich viel zu groß, mit meiner hand, die Ihre ganze brust bedeckt. bin der macker aus den filmen mit einer zierlichen lady auf dem schoß. bin breitbeinig und überfordert. geschlechtergrenzen im kopf verwischen. ich bin gleichzeitig. genieß unsere neugierigen finger. sehe Ihn, wie Er uns beobachtet, mit selbtgefälligem grinsen: der anfang ist gemacht, mit lesbenintro, jetzt gehts los. Er merkt nicht, dass ich schwul bin, als ich Ihn liebkose. bin wieder frau, als Er mich in die knie zwingt. submissiv, masochistin: Er zieht mir meine alte rolle an. zieht mich aus.

Ich will Grenzen setzen können. Selfcare.

Aua. Es tut mehr weh als ich geahnt hätte, über Konsens zu lesen. Die Triggerwarnungen hab ich nicht ernst genug genommen. Die furchtbaren Kommentare auf den Blogposts haben Erinnerungen daran aufleben lassen, wie oft meine Grenzen gepusht wurden und wie oft kein Konsens da war, wenn ich mich auf Typen eingelassen habe.

[Trigger-Warnung: Grenzen pushen, was Typen so raushauen, Ende ist markiert]

Eine Bilderflut in meinem Kopf, Erinnerungen an Dialoge wie „Ich will eigentlich nicht überredet werden, mit dir zu pennen.“ – „Aber ich überrede dich nicht, sondern gebe bloß Argumente“, Sätze wie „Dann pennen wir halt zusammen in einem Bett und haben keinen Sex, wär das nicht ein Beweis, dass ich dich gern hab?“ oder „Dir ist schon klar, dass ich heut noch versuchen werde mit dir rumzumachen?“. „Dir ist schon klar…“, was für ein Satzanfang sexuelle Integrität auszudrücken. „Dass du meine Hand da weggemacht hast. Voll teeniehaft!“, um mir zu suggerieren, dass sich Teengirls ja voll ziemen und ich irgendwie… unreif bin, whatever.
Oder als ich es einmal geschafft habe „Nein“ zu sagen und dann gehen wollte (war bei ihm zuhause), er dann die Tür abgeschlossen und meinte „Nein, du gehst nicht nachhause, es ist zu gefährlich da draußen!“. Wenn ich sage „Ich will lieber nur chillen und den Sonnenaufgang beobachten“ kommt ein „Okay“ und nach drei Minuten der gleiche Scheiß! Die Liste ist lang…

Gefühle und Tastaturen (Kurzgeschichte)

Im Zug bin ich mir einig, dass es selten gut ist, Erwartungen an ein Wochenende zu haben und lass die Gedanken bei den vorbeiziehenden Schneelandschaften.
Bei dir stelle ich fest, das ich doch welche habe:
Das wieder aufleben lassen, was mal war. Das Feuer neu schüren, wie du es formuliert hast. Dich so sehen, dass ich sagen kann: Ich hab dich gesehen und nicht nur Zeit mit dir verbracht. Irgendwann, wie beim letzten Mal, fast ohrwurmartig den Satz im Kopf haben „Ich bin ein bisschen verliebt“, ihn nicht ernster nehmen, als ich will, das Undefinierte zwischen uns zelebrieren, mich freuen über den Ausblick auf die zugeschneiten Fachwerkdächer und auf deine vollgeschriebenen Wände.
Wir haben die Nacht ausgesperrt. Sie drückt ans Fenster, füllt es aus mit dichtem Schwarz. Der Tag im Zimmer gehört Diskussionen über Anti-Diskriminierungspolitik und wir merken nicht, wie sich die Nacht draußen auflöst und Müdigkeit ins Zimmer sickert.