Die Beziehung ist geöffnet und die Welt steht Kopf?

Ein zerbrochener Herzchen-Lollie auf dem Boden
Ein zerbrochener Herzchen-Lollie auf dem Boden

Auf dem Anxious Polys Unite Stammtisch treffe ich oft Menschen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen, weil sie ihre bisher monogame Beziehung öffnen wollen. Besonders häufig suchen Personen nach Rat, die damit überfordert sind, dass die*der Partner*in nun plötzlich noch eine weitere Beziehung führt oder führen will. Sie sind von ihrer Eifersucht überwältigt und hoffnungslos.
Ich habe das auch durchgemacht und will meine Erfahrungen teilen, um all diesen Menschen Mut zu machen. Als ich damals nach positiven Affirmationen suchte, fand ich nur Schlaumeier, die mir rieten es gänzlich sein zu lassen. Aber das ist Bullshit! Egal wie hoffnungslos es sich für dich gerade anfühlt – es muss nicht so bleiben!

Polyamorie, Eifersucht & Ruhe finden

Eine Person liegt in der Badewanne und raucht
Eine Person liegt entspannt in der Badewanne und raucht. (Foto von Bart Scholliers)

Seit dem „Anxious Polys Unite“-Text ist viel Zeit vergangen und nach viel Poly-Drama und Endzeitstimmung habe ich so etwas wie Ruhe gefunden. Ich, die sich für einen hoffnungslosen Fall hielt und der einiger Leser_innen des genannten Artikels rieten es sein zu lassen, wenn „es nicht für dich ist.“

Ich finde es bemerkenswert, dass Menschen, die monogam leben und sich wegen eines Seitensprungs in einer Krise befinden, lauter Tipps bekommen wie sie es wieder hinkriegen, während das einzige, was einige Leute eifersüchtigen Polys zu sagen haben „Lass es halt“ ist.

Dieses Entweder-Oder-Denken über Bord zu werfen war entscheidend, um meiner langersehnten Ruhe näher zu kommen.

Ich will meinen Weg rekonstruieren – ohne es als Ratgeber zu meinen. Ich weiß wie sehr eifersüchtige Polys eine Abneigung gegen Ratgeber entwickeln können. 😉 Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja ein weiter „hoffnungsloser Fall“ darin wieder?

Vorweg genommen: Dies ist mein Narrativ und es muss nicht deines sein. Damit bin ich schon bei meinem ersten Punkt:

Das eigene Narrativ finden

Das 1. Anxious-Polys-Treffen, ein zweischneidiges Schwert

Als ich mit der Orga für den Anxious-Polys-Untite-Stammtisch begonnen hab, habe ich überlegt ob ich den Raum FLT (ein Schutzraum nur für Frauen, Lesben, Transpersonen) labeln will. Weil ich einerseits die Kritik and FLT-Räumen kenne: Sie schließen in der Praxis oft Transfrauen aus, und andererseits aus der queer-feministischen Bubble raus wollte, denn die in meinem Ausgangstext angesprochenen Probleme mit Polyamorie und Ableismus betreffen natürlich auch Cistypen und ich wollte auch Cis-Heteras ansprechen: Ich kenne einige heterosexuelle Cisfrauen, die sich nicht in FLT-Räumen aufhalten, aber mit Poly-Mackern zusammen waren oder sind und diesbezüglich Redebedarf haben. Also machte ich den Stammtisch „offen für alle sexuellen Orientierungen und Geschlechter“.
Hätte klappen können. Es gab aber Probleme.
Vielleicht kann es auch klappen, aber dafür muss ich einige Dinge ändern. Deswegen dieser Text.

Auch wenn der Stammtisch so offen ist wie er ist, muss klar sein, dass mein Selbstverständnis und mein Anspruch queer-feministisch ist, d.h es gibt ein paar Verhaltensregeln für einen respektvollen Umgang miteinander. Außerdem plane ich für nächsten Monat noch jemanden ins Boot zu holen, die_der mit mir zusammen Awareness macht (also die Ansprechperson ist, wenn es Grenzüberschreitungen gibt usw.)
Ich seh das 1. Treffen als sozusagen Testlauf und weiß nun an welchen Stellen es Probleme gab. Ich werde den Stammtisch weniger öffentlich bewerben, um so ein bisschen mehr Kontrolle darüber zu haben, über welche Kanäle Menschen darauf aufmerksam werden.
Wenn alle Stricke reißen? Plan B ist mich doch mit einem FLT oder vergleichbarem Konzept zurück in die queer-feministische Ecke zu verkriechen. Aber ich bin optimistisch und hoffe, dass das nicht passieren muss und gebe der offenen Runde eine Chance.

Auf Worte folgen Taten: Der Anxious-Polys-Stammtisch in Berlin

Ich bin sehr froh und immer noch überwältigt von der Reichweite und dem Interesse an meinem letzten Blogpost.
Da ich lieber außerhalb von Facebook diskutiere 😉 und das Thema noch lange nicht ausgeschöpft ist, habe ich nun einen Mail-Verteiler über Rise-up eingerichtet: anxious-polys-unite@lists.riseup.net

Die Idee mit dem Stammtisch hat sich auch realisiert:
Er findet jeden 1. Sonntag im Monat ab 19 Uhr im Café Morgenrot statt
(Kastanienallee 85, 10435 Berlin, M1 Schwedter Straße, U2 Eberswalder Straße).

Anxious Polys Unite!

Nicht wir Neurodivergenten, Eifersüchtigen und Unsicheren sind das Problem, sondern Poly-Ideale!

[Trigger-Warnung: Polyamorie und Ableismus, Erwähnung von Selbsverletztendem Verhalten im Abschnitt „Psychische Erkrankung versus abusive Relationship?“]

(cc) Annamaria B. – Bildbeschreibung: Zeichnung in Graustufen, zeigt Umrisse von Menschen, die alleine, zu zweit oder zu dritt, jeweils getrennt durch Wände, einander umarmen oder anders berühren. Einige Silhouetten sind dunkler: Diese Personen halten ihre Hände am Mauerrand und bilden so eine Kette.

Immer wenn ich mich in Poly-Kreisen aufhalte oder einen Ratgeber für polyamoröse Beziehungen aufmache, merke ich, dass ich nicht gemeint bin. Mein Eindruck ist oft, dass Polyamorie wie sie dort besprochen wird, für Menschen gedacht ist, die selbstbewusst und emotional stabil sind und auf keinen Fall eine psychische Krankheit haben. Oft stoße ich auf das romantisierte Bild vom Hippie-Poly-Haufen, wo die Partner_innen immer perfekt kommunizieren können und Eifersucht durch die einschlägigen Techniken kein allzu belastendes Problem darstellt. Ich kann verstehen, warum dieses Bild verwendet wird: In einer Gesellschaft, in der polyamorösen Menschen von allen Seiten gesagt wird, dass das ja sowieso nicht funktionieren kann. sind positive Darstellungen sehr nötig. Nur leider nicht sehr hilfreich für diejenigen, die sich überhaupt nicht darin wiederfinden können. Im Gegenteil: Sie erzeugen Druck diesem Bild zu entsprechen, sowohl in Poly-Kreisen als auch in der Monowelt, die jede Unsicherheit als den Anfang vom Ende wahrnimmt.
Dieser Text ist für alle, die in nicht-monogamen Beziehungen leben, ob sie sich poly, halb-poly, mono_flexibel oder ganz anders labeln, die mit Depressionen und/oder Anxiety, auf deutsch Angsterkrankungen, zu kämpfen haben und/oder mit mehr Unsicherheiten und Eifersucht umgehen müssen als andere Polys.