Gute Opfer, schlechte Opfer

#MeToo: Warum ich schwieg, log und mich schämte und warum jede Form von Victim-Blaming gefährlich ist.

[Content Warning: Sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt, Freiheitsberaubung]

Zwei Stinkefinger, mit rot lackierten Fingernägeln, vor grünem Hintergrund.

Immer, wenn ich unter dem #metoo-Hashtag Erfahrungen anderer lese, höre ich die Stimme, die mir sagt: „Du darfst auch auspacken!“ und die Scham, die mich bei einem bestimmten Vorfall daran hindert. Aber ich habe mich endlich entschieden, das Erlebnis zu teilen. Davon wissen nur wenige Menschen, weil ich es oft nicht schaffe, darüber zu sprechen ohne mich selbst fertig zu machen. Egal, wie feministisch ich bin, es fällt mir trotzdem schwer, die Schuld nicht bei mir zu suchen. Das zeigt wie fucked-up Victim-Blaming und Rape Culture sind. Da aktuell ein Zeit-Artikel rumgeht, der Frauen dazu auffordert, sich einfach weniger zu schminken und nichts anderes als Victim-Blaming betreibt, führe ich anhand meiner Erfahrungen mal aus, was passiert, wenn man sich als Betroffene die Schuld selbst gibt. Kurze Antwort: Es spielt dem Täter in die Hände und fördert das Schweigen Betroffener. Nicht überraschend. Überhaupt ist das nicht etwa ein Thema, zu dem es nicht schon drölfzigtausend feministische Artikel gibt. Aber das reicht offensichtlich noch immer nicht.

Wie ich zum Feminismus kam

Von Scheißtypen, Männercliquen und internalisiertem Sexismus

1. Meine erste Begegnung mit Feminismus

In der Zeit bin ich ein sechszehnjähriges Gothic-Girl, dessen größte Sorge ist, ob die Corsage sitzt und wie wohl das neue Nightwish-Album werden wird.
Der „Mittlere Schulabschluss” steht an und alle tun sich für die Präsentationsprüfung in Gruppen zusammen. Eine Mitschülerin fragt, ob ich in ihre will: Thema noch unklar, irgendwas mit Frauen. Ich bin dabei. Eine Woche später steht es fest: `Die Frauenbewegung in Deutschland von der Weimarer Republik bis heute´. Ich notiere mein Unterthema: Neue, autonome Frauenbewegung und ab zur Bücherei. Wellenmodell, 68er, SDS, Tomatenwurf, „Wir haben abgetrieben”, §218, Schwarzer, PorNO… ich notiere und notiere. Ich beschäftige mich seit kaum einem Monat und eigentlich unfreiwillig damit und kann schon rumnerden.
Meine Gruppe stellt am Ende des Referats eine Diskussionsfrage: „Sind wir denn heute emanzipiert?” Die Prüferinnen schauen sich an und nicken. Ihre Blicke sagen: gute Frage. Unser Fazit ist eine Mischung aus pathetischer Dankbarkeit an die Frauenbewegungen der Vergangenheit, das Anerkennen ein paar noch bestehender Ungleichheiten, aber im Großen und Ganzen, das haben wir festgestellt, sind wir emanzipiert. Danke Feminist*innen, wir brauchen euch nun nicht mehr. Die Prüferinnen nicken. Eine glatte Eins für alle und weiter geht’s im faden Schulalltag.
Aber ich merke, dass mich das Thema nicht loslässt. Das Gelernte wende ich sogar an und bleibe nicht ruhig, wenn ich etwas für sexistisch erachte. Ich habe im Freundeskreis schon den Ruf „Emanze” weg, das geht echt schnell! Den Spott in der Stimme überhöre ich.
Irgendwann wird „Frauenbewegung” noch einmal in der Schule thematisiert, so für zwei Unterrichtsstunden. Der Lehrer gibt ein ähnliches Fazit, mit Angela Merkel als Argument und es wirkt so, als hätte es nie etwas anderes als die weiße, bürgerliche Frauenbewegung gegeben.

2. Feminismus schadet meiner Beziehung

Mit 17 verliebe ich mich in den vermutlich konservativsten und arrogantesten