Die Beziehung ist geöffnet und die Welt steht Kopf?

Ein zerbrochener Herzchen-Lollie auf dem Boden
Ein zerbrochener Herzchen-Lollie auf dem Boden

Auf dem Anxious Polys Unite Stammtisch treffe ich oft Menschen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen, weil sie ihre bisher monogame Beziehung öffnen wollen. Besonders häufig suchen Personen nach Rat, die damit überfordert sind, dass die*der Partner*in nun plötzlich noch eine weitere Beziehung führt oder führen will. Sie sind von ihrer Eifersucht überwältigt und hoffnungslos.
Ich habe das auch durchgemacht und will meine Erfahrungen teilen, um all diesen Menschen Mut zu machen. Als ich damals nach positiven Affirmationen suchte, fand ich nur Schlaumeier, die mir rieten es gänzlich sein zu lassen. Aber das ist Bullshit! Egal wie hoffnungslos es sich für dich gerade anfühlt – es muss nicht so bleiben!

Hinweis: Ich schöpfe aus meinen Erfahrungen, die bisher schon anderen Menschen geholfen haben. Die Ideen müssen natürlich nicht auf alle Menschen zutreffen!

Es wird nicht für immer schrecklich bleiben

Ich weiß, das ist vielleicht im Moment schwer zu glauben. Aber wenn die Beziehung ansonsten gut funktioniert, ihr beide bereit seid euer Verhalten zu reflektieren, stehen die Sterne gut für euch.
Vor ca. zwei Jahren habe ich meine Beziehung richtig geöffnet – vorher war es eine offene Beziehung (sexuelle Abenteuer waren okay, mehr nicht). Von den sexuellen Abenteuern habe aber nur ich Gebrauch gemacht. Dann hatte meine Freundin plötzlich noch eine andere Freundin. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, bin ich immer noch den Tränen nah. Wenn ich heute erfahre, dass meine Freundin noch jemanden datet, ist das anders. Ich bin auch irritiert und eifersüchtig… aber wir sind inzwischen ein gut eingespieltes Team. Es ist nicht unbedingt die Nachricht, die ich am liebsten höre, aber sie wirft mich nicht mehr aus der Bahn. Und ich war richtig, richtig hoffnungslos und richtig, richtig eifersüchtig. 😉
Was ich durch den Poly-Stammtisch mitbekomme ist, dass es wesentlich schwieriger ist eine bereits bestehende monogame Beziehung zu öffnen (oder eine offene Beziehung in eine Poly-Beziehung umzuwandeln), als die Situation, wenn sich Menschen treffen, die bereits Poly-Beziehungen führen oder direkt mit mehreren Beziehungen anfangen. Warum liegt auf der Hand: Ihr habt es euch gemütlich gemacht in der Zweisamkeit. Vielleicht hat eure Beziehung symbiotische Züge – wie zwei Gummibärchen in der Sommersonne. Ihr habt euch etwas aufgebaut: Wohnung, Familie, gemeinsame Projekte etc. und nun kommt jemand von außen und alles scheint bedroht! Alle Verhaltensweisen, an die ihr euch gewöhnt habt, müssen neu durchdacht werden. Es fühlt sich an, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Das ist heftig!
Vielleicht ist es tröstend zu wissen, dass diese spezifische Situation sehr hart ist und nicht Polyamorie im Allgemeinen deshalb für dich nicht funktioniert.
Das ist eine wichtige Unterscheidung! Als ich von Eifersucht und Verlustängsten geplagt war, dachte ich natürlich ich wäre grundsätzlich nicht poly-fähig. Ich habe die äußeren Umstände nicht bedacht.
So, wie man sich daran gewöhnt hat monogam zu leben, sodass es selbstverständlich ist, so kann man sich auch daran gewöhnen poly zu leben. Nur ist die Umstellung eine Herausforderung. Und selbstverständlich ist Polyamorie nie – man muss die Entscheidung viel mehr nach außen verteidigen und hat viel weniger Vorbilder. Doch das ist Thema für ein andermal.

Trauer zulassen

Eine Sache habe ich zu Beginn verwechselt: Eifersucht und Trauer. Ich versuchte etwas gegen meine Eifersucht zu tun, während ich eigentlich in einem Trauerprozess steckte. Kein Wunder, dass ich nicht sehr erfolgreich war. Ich habe sehr selten andere Polys von Trauer reden hören, aber finde, es ist ein wichtiges Thema!
Du trauerst um eine Beziehung, die es in dieser Form nicht mehr gibt! Das kann sich sehr ähnlich wie Trennungsschmerz anfühlen. Daher sollte man es auch so ernst nehmen wie Trennungsschmerz und die Trauer zulassen!
Ich habe anfangs meine Trauer verdrängt, weil ich fürchtete sie würde ein Ende der Beziehung ankündigen. Doch dem war nicht so!
Zu trauern bedeutet nicht, dass die neue, alte Beziehung nie wieder wundervoll sein kann! Doch erst wenn der Trauerprozess vorüber ist, kann etwas Neues wachsen.

Warum das Ganze?

Zunächst kann eine wichtige Frage sein: Warum mache ich das überhaupt? Will ich das überhaupt? Ich hatte lange darauf keine Antwort, denn ich war nicht „richtig poly“, aber eine durch und durch monogame Beziehung konnte ich mir einfach nicht mehr vorstellen. Was geholfen hat, habe ich bereits in diesem Blogpost geschildert: das eigene Narrativ zu finden. Denn ich stellte fest, ich muss gar nicht „richtig poly“ sein! Ich muss gar nicht schon immer davon geträumt haben oder es als identitätsstiftend empfinden poly zu leben! Polyamorie ist für mich etwas, das ich tue, für das ich mich entschieden hab – nicht etwas, das ich bin. Es gibt Polys, für die das genau andersrum ist und beides ist okay und jede Variante dazwischen. Du musst also nicht mit Leib und Seele poly sein – vor allem nicht im Moment, wo du überfordert bist. Wichtig ist nur: Was ist deine Geschichte? Aus welchen Gründen würdest du gern mehrere Beziehungen führen? Wie könnte deine jetzige Beziehung von Polyamorie profitieren?
Ich hab zunächst nur rationale, extrinsische Motivationen gefunden, aber vielleicht findest du auch den einen oder anderen emotionalen, intrinsischen Grund. Zum Beispiel das Gefühl, wie schön es wäre deine Verliebtheit mit deiner*deinem Partner*in teilen zu können? Oder die Vorstellung mit anderen Menschen Nähe und Intimität zu erleben? Oder die Gewissheit, dass du nicht „einfach so“ für eine*n andere*n Partner*in sitzengelassen wirst? Oder das Vertrauen darin, dass ihr ehrlich miteinander seid?
In diesem Eifersuchtschaos hat man oft das Gefühl machtlos zu sein, mit Tatsachen konfrontiert zu werden, die man nicht kontrollieren kann. Umso wichtiger ist es da, die eigene Handlungsfähigkeit im Blick zu haben: Wenn ich weiß, wer ich bin, was ich will und warum ich das „Projekt Polyamorie“ wagen will, fühle ich mich viel weniger ausgeliefert. Und aus dieser Selbstgewissheit kann ich Kraft schöpfen.

Achtung! Wenn du das Gefühl hast dich ausschließlich jemand anderem zu Liebe auf Polyamorie einzulassen oder dich selbst aufgeben zu müssen, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass deine Beziehung nicht gut funktioniert, vielleicht sogar abusive ist oder Abhängigkeiten bestehen. Bevor ihr einen weiteren Schritt wagt, solltet ihr klären bzw. solltest du für dich klären, ob das so ist und welche Konsequenzen du daraus ziehst.

Langsam ist nicht immer besser

Beim Stammtisch höre ich immer wieder Fälle, wo sich Menschen überrumpelt fühlen, da ihnen die Öffnung der Beziehung zu schnell ging und das Vertrauen darunter gelitten hat. Oh, how I feel you! Die Situation, wenn man es gerade erst schafft zu sagen: „Okay, lass uns die Beziehung öffnen“ und gefühlt am nächsten Tag hört: „Übrigens, ich date da jemanden…“
Gedanken, die in einem lodern: Wie, jetzt schon? Sieht sie*er denn gar nicht, wie schwer das für mich ist? Warum kriege ich nicht noch etwas Schonzeit? Wenn das so schnell geht, muss ich dann damit rechnen, dass sie schon bald zusammenziehen/heiraten/Babys kriegen/durchbrennen?
Ich hab mich genauso gefühlt, es war absolut beschissen. Doch inzwischen verstehe ich, dass es für meine Freundin unfassbar hart war um meine Unsicherheit herumzutänzeln, den genauen Zeitpunkt abzupassen, wann es okay ist eine Information zu teilen oder einen weiteren Schritt in der neuen Beziehung zu wagen, ohne mich zu überfordern. Denn ehrlich gesagt, war das alles überfordernd und jedes Tempo wäre mir zu schnell gewesen! Für das Gegenüber ist das also unter Umständen eine sehr undankbare Position.
Vielleicht denkst du heimlich: „Bitte, bitte, geh am besten nie den nächsten Schritt!“ oder „Wenn du siehst, wie sehr ich leide, warum verzichtest du nicht von selbst darauf?!“ Doch vielleicht fühlt sich der andere Part der neuen (potentiellen) Beziehungsperson gegenüber schon verpflichtet. Sie*er wünscht sich den nächsten Schritt zu gehen, aber weiß nicht wie – weil so oder so jemand darunter leiden wird.
Es mag nicht wie etwas klingen, was ich sonst schreiben würde und ich musste es erst selbst erleben, um überhaupt darauf zu kommen, aber ich denke: Man tut sich nicht unbedingt einen Gefallen mit zu viel Schonzeit und langsamen Schritten!
Ich habe ein Problem mit Anxiety. Eine diffuse Bedrohung in der Zukunft macht mich fertig: Ich muss pausenlos grübeln, bin angespannt, das Thema ist immer im Hinterkopf und kann sich unfassbar aufladen. Es gab Phasen, da hat allein das Wort „Poly“ eine Adrenalinwelle in mir ausgelöst. (Ja, auch bei „Polyester“ oder „Polynesien“.) Erst dadurch, dass ich damit konfrontiert wurde, gab ich mir überhaupt die Chance damit umzugehen. Weil ich aber große Angst vor dieser Konfrontation hatte, hätte ich sie – wenn es nach mir gegangen wäre, für immer prokrastiniert. Für meine Freundin gab es gar keine andere Möglichkeit als mich zu überrumpeln! Und heute bin ich dankbar, dass sie es getan hat – bis mein Gehirn endlich kapiert hat, dass eine neue Beziehung in ihrem Leben keine Bedrohung für mich darstellt.
Das heißt nicht, dass dein*e Partner*in gar keine Rücksicht auf dein Tempo nehmen soll. Aber vielleicht ersparst du dir viele schmerzhafte Monate des Grübelns, wenn du mutig bist und den Schritt etwas schneller wagst. Und es kann erleichternd sein zu wissen, dass dich dein*e Partner*in wahrscheinlich nicht aus Böswilligkeit oder Egoismus überrumpelt.

Vielleicht ist dieser Gedanke tröstend: Stell dir vor, in zwei Jahren sagt dir dein*e Partner*in, dass sie*er noch jemanden datet. Du bist zunächst wieder auf Alarmbereitschaft, du spannst dich an und hast einen Kloß im Hals. Doch im weiteren Gesprächsverlauf gewinnt deine Zuversicht. Schließlich hattet ihr die Situation schon mal! Du weißt, wenn deine Eifersucht zu schlimm werden sollte, ist sie*er für dich da und hört dir zu! Danach verbringst du einen schönen Abend ohne, dass diese Information besonders schmerzhaft für dich wäre. Genau das ist mir vor einigen Wochen passiert. 🙂
Natürlich ist es sehr wichtig, wie die Beziehung ansonsten aussieht. Ich hatte Grundvertrauen in uns und habe mich mit meinem Schmerz gesehen gefühlt.

Achtung! Wenn dich dein*e Partner*in für deine Eifersucht abwertet, dir nie entgegen kommt, dir die alleinige Verantwortung dafür gibt mit den Veränderungen klarzukommen, dann finde ich das schrecklich! In diesem Artikel hab ich ausführlicher darüber geschrieben.

Vorsicht vor dem Veto-Recht

Die Idee mag verlockend sein noch ein Veto-Recht zu haben, während die Beziehung zum ersten mal geöffnet wird… man hätte zumindest ein bisschen Kontrolle und könnte einen Rückzieher machen, falls es doch zu viel ist. Ich hatte zu Beginn ein Veto-Recht, doch ab dem Moment, wo ich es hätte einsetzen wollen, war mir klar, dass es zu spät war und es nicht mehr funktionierte. Ich fühlte mich zwar irgendwo ausgetrickst, doch stellte schnell fest, dass ich dieses Veto-Recht nicht wirklich haben wollte. Die Vorstellung, dass ich im Stande bin meiner Freundin das Herz zu brechen, indem ich erzwinge, dass sie sich von jemand anderem trennt (und noch einer weiteren Person das Herz breche)… gruselig! Ich bin davon überzeugt, meine Beziehung wäre ab dem Moment vergiftet gewesen, wenn ich ernsthaft von meinem Veto-Recht Gebrauch gemacht hätte. Ich hätte eine Macht über sie, die ich nicht haben will.
Ich weiß sehr gut, dass die Idee ein Veto-Recht einzuführen, meist nicht daher kommt, dass jemand Macht ausüben will. Es ist ein Versuch mit dieser starken Unsicherheit und Veränderung umzugehen. Es ist wichtig einen Weg zu finden, um mit dem eigenen Sicherheitsbedürfnis im Einklang zu sein. Regeln, die ein solches Machtpotential beinhalten, halte ich allerdings für schwierig. Viel stärker ist es, wenn das Sicherheitsgefühl von innen heraus kommt. Das schafft man natürlich nicht über Nacht. Eine Idee kann sein Treue neu zu definieren. Ist Treue die Gewissheit, dass ihr zueinander steht und nicht schlecht voneinander redet? Dass ihr bestimmte Lebensbereiche weiterhin zusammen bestreiten wollt? In diesem Artikel nähere ich mich dem Thema an – da beschreibe ich, wie ich Ruhe gefunden habe.

Erst Feuer löschen, dann über Architektur reden

Als es mir richtig dreckig ging und ich über Polyamorie lamentierte, darüber was wäre, wenn und wie wir uns in dieser und jener Situation verhalten könnten, meinte meine Freundin: „Du redest über Architektur während dein Haus brennt!“ Manchmal ist eben das Feuerlöschen die Priorität! Dann können sich all die guten Ideen hinten anstellen und all die Theorie. Dann geht es vor allem um Selfcare und darum neue Hoffnung zu tanken oder grundlegende Entscheidungen zu hinterfragen.
Vielleicht hilft es etwas Abstand zu suchen? Sich zurückziehen und erlauben traurig, wütend und verzweifelt zu sein? Vielleicht eine Beziehungspause? Vielleicht Austausch auf einem Poly-Stammtisch suchen? Oder umziehen, wenn man zusammen wohnt? Das hat in meinem Fall sehr geholfen, ist aber natürlich nicht immer möglich.
Auf all das, was ich gelernt habe, wäre ich niemals gekommen, wenn ich mich nicht hin und wieder geschlagen gegeben hätte. Zugegeben hätte: Ich weiß nicht weiter. Eigentlich ist jedem meiner Poly-Artikel eine große Niederlage vorausgegangen. Doch ich habe die Feuer gelöscht, zusammen mit meiner Freundin, den Menschen auf dem Poly-Stammtisch und meinem Freund*innenkreis und habe die Grundsteine für ein neues Haus gelegt.
In Sachen Poly ist sehr viel Trial‘ n Error notwendig… und manchmal häufen sich die Errors. Das ist okay.
Vielleicht ist der Gedanke tröstend, dass es eben kaum Vorbilder gibt, dass man in der Mehrheitsgesellschaft ständig von Mononormativität umgeben ist und, dass der Idealismus mancher Poly-Szenen die Sache zusätzlich erschweren kann. Es wäre doch höchst sonderbar, wenn du bei diesen Grundvoraussetzungen nie ein Problem gehabt hättest! 😉 Also geduldig bleiben. Um es mit einem Zitat zu sagen: „Wer Geduld sagt, sagt Mut, Ausdauer, Kraft.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

P.S. Meine Freundin ist großartig. Ich finde, das solltet ihr wissen. 😉

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