Gute Opfer, schlechte Opfer

#MeToo: Warum ich schwieg, log und mich schämte und warum jede Form von Victim-Blaming gefährlich ist.

[Content Warning: Sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt, Freiheitsberaubung]

Zwei Stinkefinger, mit rot lackierten Fingernägeln, vor grünem Hintergrund.

Immer, wenn ich unter dem #metoo-Hashtag Erfahrungen anderer lese, höre ich die Stimme, die mir sagt: „Du darfst auch auspacken!“ und die Scham, die mich bei einem bestimmten Vorfall daran hindert. Aber ich habe mich endlich entschieden, das Erlebnis zu teilen. Davon wissen nur wenige Menschen, weil ich es oft nicht schaffe, darüber zu sprechen ohne mich selbst fertig zu machen. Egal, wie feministisch ich bin, es fällt mir trotzdem schwer, die Schuld nicht bei mir zu suchen. Das zeigt wie fucked-up Victim-Blaming und Rape Culture sind. Da aktuell ein Zeit-Artikel rumgeht, der Frauen dazu auffordert, sich einfach weniger zu schminken und nichts anderes als Victim-Blaming betreibt, führe ich anhand meiner Erfahrungen mal aus, was passiert, wenn man sich als Betroffene die Schuld selbst gibt. Kurze Antwort: Es spielt dem Täter in die Hände und fördert das Schweigen Betroffener. Nicht überraschend. Überhaupt ist das nicht etwa ein Thema, zu dem es nicht schon drölfzigtausend feministische Artikel gibt. Aber das reicht offensichtlich noch immer nicht.

Damals in Regensburg…

Vor sechs Jahren wohnte ich in Regensburg. Ich war neu in der Stadt, kannte kaum Leute und die, die ich kannte, hatten gerade keine Zeit. Deshalb war ich froh, eine neue Bekanntschaft in der Stadt gemacht zu haben. Der Typ schien nett zu sein und lud mich auf ein Abendessen zu sich ein. Hier kommt der Part, wo ich anfange mich selbst fertig zu machen: „Wie konnte ich nur mitgehen?! Wie konnte ich nur so naiv sein?!“ Daher habe ich einigen Leuten erzählt, er hätte mich auf eine Homeparty eingeladen, die nicht stattgefunden hat. Klingt weniger naiv. Aber, stell dir vor, es ist SCHEISSEGAL, wie naiv ich gewesen bin: Was er getan hat, war nicht in Ordnung! Punkt.
Das Abendessen war ganz nett und angenehm. Irgendwann äußerte ich den Wunsch zu gehen, bedankte mich für den Abend und schlug vor in Kontakt zu bleiben, was ich auch ehrlich meinte. Er wollte, dass ich bleibe und entschied für mich, es sei zu spät jetzt zu gehen, da kaum noch Busse fuhren – er würde sich ja Sorgen machen. Nicht viel später wollte er rumknutschen, wovon ich nicht begeistert war. Ich stand auf und wollte meine Sachen nehmen und gehen – so höflich wie möglich, doch er zerrte mich zurück, wieder unter dem Vorwand es sei ja so gefährlich draußen. Alles, was ich an ihm sympathisch gefunden habe, war mit einem Schlag weg. Ich hatte Angst und, wollte vor allem eins: Eskalation vermeiden und mir in Ruhe einen Plan überlegen, wie ich hier raus komme. Also blieb ich höflich und erfand Gesprächsthemen. Ja, ich knutschte sogar auf sein Drängeln angeekelt mit ihm rum, während ich in meinem Kopf die Fragen durchging: Wo ist mein Handy? Kann ich jemanden anrufen? Wie kann ich das unauffällig machen? Soll ich die Polizei rufen? Kann ich irgendwie aus der Wohnung rennen, ohne, dass er es merkt?

Ich kam nicht dazu, denn er hatte schon seinen Schwanz ausgepackt und versucht meinen Kopf runter zu drücken. Ich wich zurück und war nun nicht mehr höflich. Ich sagte, ich will das nicht, dass ich jetzt sofort nach Hause möchte und er mich rauslassen soll. Er fing an zu jammern, wie ein kleines Kind, dem man eine Süßigkeit vorenthält: Es sei ja sooo schwer als Single-Mann und er hätte ja sooo lange schon keinen Sex gehabt. Er hat wirklich versucht mich über eine Mitleidstour zu Sex zu überreden. Ich sagte immer wieder „Nein“ und wenn er nach dem Warum fragte: „Ich muss mich nicht rechtfertigen“. Das interessierte ihn nicht. Er versuchte ein paar mal meine Hand zu nehmen oder mich an sich zu drücken. Als er merkte, dass er keine Chance hatte, sagte er: „Okay, aber du musst hier schlafen, es ist zu gefährlich draußen.“ Wenn es ihm um meine Sicherheit gegangen wäre, hätte er wahrscheinlich gemerkt, dass er gerade zum Täter wurde und er hätte mir vielleicht angeboten, mich zum Bus zu begleiten oder mir ein verdammtes Taxi gerufen. Es war klar, worum es ihm ging und ich hatte zu viel Angst, um mit ihm zu diskutieren. Ich fasste den Plan: Sobald er schläft, schleiche ich mich raus. Wenn ich telefonieren würde, könnte er das merken und aggressiv werden oder mir mein Handy wegnehmen, deswegen ließ ich das bleiben. Ich hätte vielleicht heimlich eine SMS verschicken können, doch ich wusste nicht an wen. Meine Regensburger Freund*innen waren teilweise nicht in der Stadt und ich wollte nicht wahrhaben, dass die Situation so ernst sein könnte.

Kaum war klar, dass ich da übernachten würde, da fing er wieder an, nach Sex zu betteln und irgendwann sich vor mir einen runterzuholen. Es war erniedrigend und ekelhaft, doch ich dachte: „Danke lieber Gott, dass er nicht schlimmeres versucht.“ Als er eingeschlafen war, versuchte ich mich rauszuschleichen. Ich war schon fast im Flur, als er wach wurde, mich schnell wieder rein zerrte, die Tür verschloss und den Schlüssel versteckte. Er wiederholte seine Leier, dass es draußen so gefährlich sei. Ich hätte mich überall sicherer gefühlt. Ich musste also tatsächlich dort übernachten. Ich schaffte es einzuschlafen, hatte einen Alptraum nach dem anderen, wurde immer wieder wach und war froh, dass er mich nicht angefasst hatte.
Am Morgen tat er so, als hätten wir eine schöne Nacht verbracht. „Versprich mir, dass du mich jetzt nicht ignorierst,“ sagte er, als würde er nur ahnen, dass etwas nicht in Ordnung gewesen war. Als ich draußen war, wollte ich nur im Boden versinken und alles vergessen. Ich habe ihn noch ein mal zufällig in der Stadt gesehen: Er hat mich vorwurfsvoll angeglotzt und sich dann weggedreht. Er war sich offensichtlich keiner Schuld bewusst.

Breaking News: Victim-Blaming fördert Schweigen!

Ich spüre immer noch Scham, wenn ich darüber schreibe und ich weiß, vielen Leuten liegt auf der Zunge: „Warum bist du überhaupt mitgegangen? Hat dir deine Mama nicht gesagt…? Was hattest du an? Hast du dich geschminkt? Welche Zeichen hast du gesendet? Warum hat dich niemand gecovert? Warum hast du nicht die Polizei gerufen? Warum hast du ihn nicht angezeigt oder gemeldet?“ Erstickt dran! Ich habe nach meinem besten Wissen gehandelt und mir nichts vorzuwerfen. Er hat Mist gebaut.

Ich hatte außerdem ein diffuses Bild davon, was sexualisierte Gewalt ist. Meine Situation erschien mir trotz mehrfacher Grenzüberschreitungen,  Angst, Ekel und Freiheitsberaubung als nicht schlimm genug, um Hilfe zu holen. In meinem patriarchal geprägten Kopf, hatte sich das Bild gefestigt, ich dürfe nur um Hilfe bitten, wenn ich die Situation nicht im Geringsten „mitbeeinflusst“ habe oder „selbst zu verantworten“ hätte. Denn „richtige Opfer sexueller Belästigung“ waren nach meiner Vorstellung nicht Leute, die spontan mit zu jemandem nach Hause gegangen sind, den sie eben erst kennengelernt haben. Dieses Denken ist sehr gefährlich und direktes Produkt von Rape Culture und Victim-Blaming. Viele Menschen würden mir jetzt vorwerfen nicht „clever“ gehandelt zu haben. Genau das dachte ich auch all die Jahre, genau das verursachte diese Schamgefühle, genau das ließ mich schweigen und lügen, genau das sorgte dafür, dass er ohne Konsequenz davongekommen ist. Barbara Kuhler würde mir empfehlen, beim nächsten mal die Schminke wegzulassen. I’ve got news for you: Das hätte mich nicht im Geringsten geschützt!

Ich hatte die Logik von Victim-Blaming perfekt verinnerlicht und sie hat mich so lange klein gehalten, dass selbst die Menschen, die mir am nächsten stehen, bis heute denken, der Typ hätte mich auf seine Homeparty eingeladen, die dann doch nicht stattfand. Denn das wirkt weniger naiv, als wäre ich in dem Glauben mitgegangen, da seien noch andere Menschen. Aber das ist gelogen. Now it’s my time to break the silence. Denn ich will nicht schweigen und ich will nicht Umstände dazu erfinden müssen, damit man mich ernst nimmt.
Mir wurde nämlich ein Leid angetan. Das war nicht in Ordnung. Und wenn ihr wirklich auch denkt, dass das nicht in Ordnung war, werdet ihr die Schuld nicht bei mir suchen. Ende der Diskussion.

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