Ich bin eine schlechte Bisexuelle und stolz drauf!

Ein Lolli mit einer Sprechblase, in der steht: "Bisexuals aren't real. We're just incredibly sexy hallucinations!"
„Bisexuals aren’t real. We’re just incredibly sexy hallucinations!“

Heute ist der 23. September 2017, also der Bi-Visibility-Day. Seit 2014 versuche ich für dieses Datum einen Artikel zu schreiben – eine Art Coming-Out-Text. Bislang bin ich immer daran gescheitert. Today is the day: Egal was heute (Ziel ist vor Mitternacht!) auf meinem Blog veröffentlicht wird – heute oder nie!
Warum fällt es mir eigentlich so schwer über meine Bisexualität zu schreiben? Bei den Poly- oder Girlfag-Artikeln hab ich’s doch auch geschafft. Vermutlich, weil ich sehr schnell in einer Schleife aus Rechtfertigungen lande: „Kuckt mal, ich bin echt! Akzeptiert mich!“ Das fühlte sich jedes mal falsch an, also ließ ich einen Entwurf nach dem anderen liegen. Oft merkte ich beim Schreiben, wie ich eigentlich nur versuchte zu beweisen, dass ich zu den „guten Bisexuellen“ gehöre. Ich hab den Mist zu gut verinnerlicht.

Was soll eine gute Bisexuelle überhaupt sein?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich permanent so fühle, als müsste ich eine werden. Als wäre bisexuell by default nicht gut genug und ich müsste diese eine, ganz bestimmte Art finden bisexuell zu sein, um akzeptiert zu werden: Sei nicht zu promiskuitiv, nicht zu poly, werde bloß nicht mit Swingerclubs assoziiert, sei bloß nicht an Dreiern mit Paaren in Hetero-Konstellation interessiert, habe keine Präferenzen. Wenn du in einen Lesbenclub tanzen gehst, darfst du nicht nur sexuelles Interesse haben, sonst bist du am Ende die ausbeuterische Bisexuelle. Du musst es natürlich schon immer irgendwie gewusst haben. Spiel das Begehren für Männer runter, wenn du unter queeren Frauen bist. Erwähne bloß nicht zu oft deine Freundin, wenn du unter Heten bist. Habe immer deine vermeintlichen Bi-Privilegien auf dem Schirm.
I’m sick and tired of this shit! Ich bin müde davon Vorurteile zu brechen, Angst zu haben Homos den Raum wegzunehmen, mich permanent zu fragen, ob ich eine Lügnerin und ein Fake bin, nie zur Ruhe zu kommen außer auf Bi-Stammtischen. Ich habe es satt mit Queers in einer Runde zu sitzen, während sie über LGBT-Themen reden als sei ich nicht betroffen. Und mir jedes mal erkämpfen zu müssen gesehen zu werden, indem ich zehnmal „meine Freundin“ sage. Ich habe es satt mich falsch zu fühlen.

Karten auf den Tisch

Ich will einfach sein. Deswegen oute ich mich jetzt und lege alle Karten auf den Tisch: Ich bin bisexuell. Nein, ich wusste es nicht schon immer. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich heute als bisexuell bezeichnen würde, wenn ich meine Freundin nicht kennengelernt hätte. So, jetzt ist es raus: Ich bin nicht „authentisch“.
Ja, ich gehöre zu den promiskuitiven Bisexuellen, bzw. würde dazugehören, wenn ich besser flirten könnte und nicht zu faul wäre ständig was klarzumachen. Ja, Dreier sind mein Ding. Ja, ich finde Swingerclubs sind ne feine Sache (und mir oft lieber als elitäre Szene-Sexpartys). Poly bin ich auch noch. Ja, ich habe weitaus mehr sexuelle Erfahrungen mit Männern gemacht und will das nicht herunterspielen oder rechtfertigen. So war es halt. War gut. Nicht immer, aber oft. Es tut mir sehr weh, wenn Heten mein Begehren für Frauen kleinreden, es nicht ernst nehmen oder, wenn es Typen sexualisieren. Es schmerzt, wenn Leute meine Erfahrungen mit nichtbinären Menschen in ihre cissexistischen Schubladen einsortieren. Dann geht es doch wieder um Genitalien, obwohl ich dachte wir seien da schon weiter. Aber irgendwie scheinen viele Leute meine Bisexualität erst ernst zu nehmen, wenn sie erfahren, dass in den Hosen meiner Liebschaften nicht nur Penisse zu finden waren. Jetzt neu: das Bisexuellen-Echtheits-Siegel mit Genitalien-Zertifizierung, nach erstklassigen, transfeindlichen Kriterien vergeben!
Bisexuelle und die Hosen ihrer Bettgenossen. Ein Mysterium, das ich aufklären muss: Es ist erstaunlich, was sich alles so in Hosen findet… Tampons, Piercings, „das Kapital“, ganz viele bunte, aneinander geknotete Unterhosen mit Clowns-Hupe am Ende. Es ist herrlich sich als Bisexuelle nicht entscheiden zu müssen!
Spaß bei Seite. Es tut mir genauso weh, mein Begehren für Männer herunterzuspielen, damit ich Homos davon überzeugen kann, dass ich nicht bloß eine Hetera bin, die Aufmerksamkeit will. Da ich auch Girlfag bin, fühlt sich das besonders falsch an unter Queers etwas herunterzuspielen, was sich für mich meist gar nicht hetero anfühlt, sondern schwul.
Überzeuge ich die Leute zu gut von meiner sapphischen Seite, darf ich mir anhören eine verkappte Lesbe zu sein. Man kann nicht gewinnen. Wenn ich mein Begehren für welches Geschlecht auch immer herunterspielen, unterschlagen, verheimlichen muss, dann bin ich eine Lügnerin. Und nicht, wenn ich sage, dass ich bisexuell bin. Lügen ist stressig. Ich will und werde nicht mehr lügen.

Authentizität ist eine Falle

Ich habe mir etwas Neues überlegt. Das Radikalste, was mir eingefallen ist: Mir selbst zu glauben, wenn es die Gesellschaft schon nicht wirklich tut. Ich will jeden Tag in den Spiegel schauen und mich daran erinnern, dass ich genug bin und mir jeden Tag ein bisschen mehr glauben.
Denn ich habe meine Lektion gelernt: „Authentizität“ ist eine Falle! Jedes Mal, wenn ich versucht habe diesen Bi-Coming-Out-Text zu schreiben, habe ich nach Beweisen gesucht, dass ich wahrhaftig bisexuell bin und es schon immer war. Etwas, was mir Ruhe geben würde, was ich den bifeindlichen Arschgeigen unter die Nase reiben könnte.
Dafür hab ich sogar in alten Tagebüchern geblättert. Ich habe „Beweise“ gefunden. Ich habe eine Menge gefunden, was mich zweifeln ließ, wie ich jemals denken konnte hetero zu sein. Gleich auf der ersten Seite, die ich aufschlug war eine lange Abhandlung über ein CD-Cover und wie heiß doch die Lady darauf sei, gefolgt von unzähligen Zeichnungen mit barbusigen Meerjungfrauen und Schwärmereien für Viki, dem süßen Gothic Girl aus der Nebenklasse.
Guess what: Das reichte nicht! Ich fand keine Ruhe dadurch. Dann begriff ich endlich: Egal mit wem ich wie oft und unter welchen Umständen ins Bett gehe und Beziehungen führe, es wird nie reichen! Die internalisierte Bifeindlichkeit sitzt zu tief. Die Bifeindlichkeit in dieser Gesellschaft ist zu festgefahren und wird immer einen Weg finden zu sagen: „Das war nur eine Phase“, „Nein, da war Alkohol im Spiel“, „Nein, das war nur sexuell“, „Nein, das war nicht sexuell genug“, „Da warst du zu jung“, „Das hast du dir bloß eingebildet“.
Der einzige Ausweg, den ich für mich sehe und das einzige, was ich anderen in ähnlichen Situationen raten kann, ist nicht länger nach diesen Regeln zu spielen. Seitwärts rauszugehen. Egal wer ich mal war und wer ich hätte sein können, wenn ich meine Freundin nie kennengelernt hätte:

Der Zug ist abgefahren, ich bin queer – deal with it!

Ich bin die kinky Bisexuelle, die sich mehr mit Helen Memel („Feuchtgebiete“) identifizieren kann als mit vielen lesbischen, fiktionalen Charakteren, die auf cheesy Slash-Fiction steht, die androgyne Männer anschmachtet und sich gern vorstellt selbst einer zu sein, die von Orgien mit toupierten Goth-Femmes träumt, die in Swingerclubs geht und Männer konsumiert, die sich vorstellt Aranea Peels („Grausame Töchter“) Schoßhündchen zu sein, die gern Jon Snow als Schoßhündchen hätte. Ich bin keine Vorzeige-Bisexuelle und das ist auch gut so. Wir Bisexuellen müssen nämlich gar nichts vorzeigen!

Flamingos und Bi-Buttons
Bisexuelle Flamingos!

Zum Schluss möchte ich ein Zitat von Robyn Ochs teilen, eine Definition von Bisexualität, die so schön inklusiv und gar nicht zuschreibend ist:

„Ich nenne mich selbst bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich in mir das Potential habe, mich romantisch und/oder sexuell angezogen zu fühlen zu Menschen mehr als eines Geschlechtes, nicht notwendigerweise zurselben Zeit, nicht notwendigerweise auf dieselbe Art, und nicht notwendigerweise mit derselben Stärke.“ (Robyn Ochs, übersetzt von rumbaumeln)

Ich hoffe, ihr hattet einen tollen Bi-Visibility-Day!

2 Kommentare:

  1. Ich schreibe auch, dass ich mich in Robyn Ochs‘ Definition wiedererkenne. Irgendwie ebnet das den Weg des Outings. Und Ja, letzte Woche und insbesondere Samstag war großartig. #BiPride 💖💙💜

  2. Ich finde den Text beeindrucken, auch wenn ich manche der Worte nicht verstehe und nachschlagen muss. Gerade auch Robyn Ochs Definition gefällt mir sehr, denn ab wann man Bi ist, das scheint tatsächlich eine heiß umkämpfte Frage zu sein. Vermutlich deswegen, weil man jemanden der Bi ist, das nicht unbedingt so schnell ansieht und manche den Eindruck erwecken wollen, das sei eine bloße Lifestyle-Entscheidung.

    Aber das halte ich für gefährlich. Es untergräbt die Arbeit von Menschen, die eine Welt sehen, in der es mehr gibt als schwarz und weiß, sondern eben viele unterschiedliche Facetten, die nicht immer gleich ersichtlich sind.

    Ich betrachte mich selbst als bi, obwohl ich als Mann noch nie eine Beziehung zu einem anderen Mann hatte, aber ich gedanklich den Widerspruch nicht sehe, denn ich könnte mich in einen verlieben und selbst das ist noch viel zu schwarz und weiß: korrekter wäre wohl der Begriff Pansexuell, obwohl ich bei diesen Abstufungen Probleme mit der Definition habe. Ich finde sie nicht mehr wirklich verständlich, eher ausgrenzend als einbeziehend.

    Denn das ist ein Problem: Wenn die Voraussetzunge nicht heterosexuell zu sein auch darin besteht, eine die diversen Begrifflichkeiten aus dem FF zu beherrschen, dann schließt es viele Menschen aus, die wissen das sie nicht hetero sind. Sich aber eben nicht eindeutig einordnen können/wollen.

    Es hakt an allen Ecken und Enden: Mein erster Schritt wäre zu akzeptieren, wo sich jemand selbst auf dem Spektrum sieht. (und vor allem auch das zu respektieren)

    Ebenso bin ich poly, obwohl ich niemals eine polyamore Beziehung geführt habe. (Ich hatte eine Freundin, die mehrere Freunde hatte, selbst aber nicht mehrere romantische Beziehungen auf einmal.- und auch das geht fehl

    Denn obwohl ich meine polyamore Seite so nicht auslebe, habe ich bereits die Gewissheit, dass ich mich in mehrere Menschen gleichzeitig und gleichstark verlieben kann und das es für mich niemals die/den/* einen Menschen geben wird (sowie das ja aus Sicht der Monogamie hingestellt wird)

    Da ich abert kein großes sexuelles Interesse habe, fällt es nicht so sehr ins Gewicht und ich könnte problemlos unter dem Radar fahren. Will ich aber nicht.

    Aber aus diesen Gründen habe ich mich oft zwischen den Stühlen gesehen. Nun nicht mehr. Ich bin stolz darauf, so zu sein wie ich bin und mich nicht zu irgendetwas gezwungen zu fühlen. Wenn ich mich in jemanden verliebe, dann werde ich mich nicht mehr fragen warum und ob das sein darf, sondern es einfach so nehmen, wie es kommt.

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