Nenn meinen Täter nicht Arschloch!

Warum Täter-Bashing für Betroffene grenzüberschreitend sein kann

[Content Warning: Kommentare auf Abuse-Erfahrungen, im Wortlaut nur Täter-Bashing, Victim-Blaming wird nur erwähnt.]

 Ich habe einen Text über mein Zwangsouting veröffentlicht, der inzwischen, zumindest vorerst, mit einem Passwort versehen ist. (Wer ihn gern lesen möchte, kann mir auf Twitter oder auf tochterkampfstrumpf[at]web.de eine Nachricht schreiben.) Warum? Als ich vor einiger Zeit mehrere Kommentare von völlig unbekannten Leuten auf den Text bekam, war ich zwar erleichtert, dass es sich nicht wie sonst um ungewollte Ratschläge oder sogar Victim Blaming handelte, doch was ich da sah, stimmte mich auch nicht gerade glücklich.

Alle Kommentare machten den Täter fertig, in diesem Fall meinen Vater und ich las häufig „Arschloch“ und Vergleichbares. Einige verstehen womöglich nicht, warum Täter-Bashing ein Problem ist. Deshalb dieser Text.

Triggergefahr

Es ist ein schöner Tag, da blinkt das Handy auf und eins liest sofort ungefiltert die Kommentare auf den Abuse-Text, die den Täter beleidigen. Es ist nicht schwer sich zu denken, wie die Wut der Kommentare die unangenehmsten Gefühle und Erinnerungen wachrütteln kann.
„Warum hast du die Kommentar-Funktion nicht deaktiviert?“
Es gab für mich zwei Gründe, den Text zu veröffentlichen: 1. Selbsttherapie/ „Flucht nach vorn“ und 2. Die Möglichkeit für Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, somit ist das Deaktivieren nicht immer eine Option. Klar können auch Erfahrungen anderer triggern – alles kann triggern, doch es gibt einen Unterschied im Umgang zwischen „Wie kann dein Vater bloß so ein Arschloch sein?!“ und Menschen, die sich öffnen: Letztere sind in der Regel supportive und achten auf Grenzen, ich kann entscheiden, ob und wie ich mich darauf einlasse, während sich das andere wie der belanglose Gehirnsenf Unbekannter anfühlt, der mir mit einem „Fuck you“ ins Gesicht geschleudert wird.  

Es kann der Genesung im Weg stehen

Abuse-Erfahung zu verarbeiten sieht womöglich bei jeder_m anders aus, bei mir waren es unterschiedliche Phasen von Verdrängung, Schuldgefühlen, Wut, Hass, wieder Wut, einer Therapie und dann endlich Akzeptanz und Vergebung. In einer früheren Phase glaubte ich nicht daran jemals an diesen Punkt zu gelangen, doch plötzlich konnte eine neue Beziehung zu meinem Vater wachsen. Wie muss es sich da wohl anfühlen aus dem heiteren Himmel solche Kommentare vorzufinden: Als würde mich jemand an den Arm packen und zurück in die Wut-Ecke zerren, aus der ich gerade erst raus gekommen bin.

Texte über Abuse-Erfahrung entstehen in unterschiedlichen Genesungs-Phasen, du aber weißt nicht in welcher Phase sich die_der Autor_in gerade befindet. (In diesem Fall kamen die Kommentare ein halbes Jahr nachdem ich den Text veröffentlicht habe) Das Thema ist für die_den Betroffene_n nach der Veröffentlichung (meistens) nicht abgeschlossen. Für viele werden diese Themen nie abgeschlossen sein, während du vielleicht nur zufällig auf das Blog gestoßen bist und den Text zwei Stunden später vergessen haben wirst. Bedenke das beim kommentieren.

Der Fokus liegt auf den Täter_innen

Ist es nicht unendlich traurig, dass es in dieser Gesellschaft vor allem zwei Wege gibt auf Abuse-Erfahrung zu reagieren? Fokus auf das vermeintliche Fehlverhalten der Betroffenen durch Victim Blaming oder Fokus auf die Täter_innen während die Betroffenenperspektive ignoriert wird.
Wo geht es bei „Dein Daddy ist ein mieses Arschloch“ um mich? Wo drückst du Empathie aus oder gibst mir etwas Ermutigendes mit auf den Weg? Willst du Cookies dafür, dass du immerhin erkannt hast, dass mir Unrecht angetan wurde?

Missachtung der Beziehung zwischen Täter_in und Betroffener_m

Es tut mir weh, wenn jemand, der weder mich noch meinen Vater kennt, ihn als Arschloch bezeichnet. Es tut mir weh, weil ich meinen Vater lieb habe und ihm inzwischen auch verziehen habe. Es ist mein Recht so zu empfinden. Mein Vater ist nicht nur „der Täter“, er ist ein Mensch. Und an anderen Stellen auch Betroffener von Gewalt. Das rechtfertigt nicht sein Verhalten, doch sein Verhalten macht ihn auch nicht zu einer Täter-Schablone. Wenn du die_den Autor_in nicht kennst, weißt du nicht was für ein Verhältnis sie_er zu der_dem Täter_in hat. Wenn es eine nahestehende Person ist, ist es vermutlich komplizierter als du dir ausmalst. Du kannst mit solchen Beleidigungen also auch Betroffene verletzen, was du sicherlich nicht beabsichtigt hast. Überleg‘ dir zwei mal, ob du das in Kauf nimmst.

Selbstgefälligkeit

Ich kenn das auch, die Wut, wenn ich fremde Abuse- oder Diskriminierungserfahrungen lese. Ich kenne den Impuls einfach loszuranten, doch er ist nicht immer angebracht. Weil es nicht um meine Wut geht. Wenn ich mit meiner Wut jemanden supporten kann, weil ich ähnliches erlebe und ein Schulterschluss entsteht: Gut. Wenn nicht, halte ich die Klappe oder äußere Anteilnahme ohne sie auf meine Gefühle zu zentrieren. Das strebe ich an, denn alles andere kommt mir wie selbstgefällige Scheiße vor.

Kommentar posten oder nicht posten?

Letztlich entscheidest du, was du unter einen Blogtext schreibst, aber vergiss nicht, dass dein Kommentar bei einer realen Person ankommt.
Folgende Fragen erleichtern vielleicht die Entscheidung:

  • Unterstützt mein Kommentar die_den Betroffene_n?
  • Ist mein Kommentar passend, gemessen daran wie gut ich die Person kenne, was uns verbindet usw.?
  • Enthält er ungebetene Ratschläge, Victim-Blaming oder Täter-Bashing?
  • Könnte er Grenzen verletzten?

3 Kommentare:

  1. Ich glaube nicht, dass ich schon mal so in einem Kommentar reagiert habe, werde aber zukünftig bewusst drauf achten. Danke für’s darauf aufmerksam machen. Als unbetroffene Person braucht man manchmal so einen Einblick.

  2. vielen dank für den text. ich habe solche reaktionen auf meinen vater auch schon erlebt und war davon alles andere als ’supported‘. mein gefühl schon damals: „du hast nicht das recht, meinen vater wie ein monster darzustellten, du kennst ihn doch gar nicht und hast scheinbar ü-ber-haupt nicht verstanden, warum ich das erzählt habe.“

    deshalb danke ich dir sehr für deine gedanken und die reflexionen, die ich durch diesen text beim nächsten mal erwidern kann.

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