Gefühle und Tastaturen (Kurzgeschichte)

Im Zug bin ich mir einig, dass es selten gut ist, Erwartungen an ein Wochenende zu haben und lass die Gedanken bei den vorbeiziehenden Schneelandschaften.
Bei dir stelle ich fest, das ich doch welche habe:
Das wieder aufleben lassen, was mal war. Das Feuer neu schüren, wie du es formuliert hast. Dich so sehen, dass ich sagen kann: Ich hab dich gesehen und nicht nur Zeit mit dir verbracht. Irgendwann, wie beim letzten Mal, fast ohrwurmartig den Satz im Kopf haben „Ich bin ein bisschen verliebt“, ihn nicht ernster nehmen, als ich will, das Undefinierte zwischen uns zelebrieren, mich freuen über den Ausblick auf die zugeschneiten Fachwerkdächer und auf deine vollgeschriebenen Wände.
Wir haben die Nacht ausgesperrt. Sie drückt ans Fenster, füllt es aus mit dichtem Schwarz. Der Tag im Zimmer gehört Diskussionen über Anti-Diskriminierungspolitik und wir merken nicht, wie sich die Nacht draußen auflöst und Müdigkeit ins Zimmer sickert.
Im Dämmerlicht fällt mir auf, dass deine Haut golden ist. Dein Duft ertappt mich, als du das T-Shirt ausziehst, als liege ein Flaum aus Duft über deiner Haut. Mir fällt auf, was mir immer auffällt, wenn ich dich sehe, dass immer wenn du lächelst, deine schiefen Zähne hervorblitzen und aussehen wie Vampirzähne. Dass du, wenn du kicherst, die Nase ein wenig rümpfst und die Augen zusammen kneifst, ganz unmerklich. Ich versinke in deinen Anblick, dass ich nicht mehr weiß, ob es dein Anblick ist, oder die Erinnerung, die ich darauf projiziere.
Du sagst nichts, redest nur über deinen Listenplatz im Bundestag, wie gut du referieren kannst, über gute Bassboxen und Anti-Diskriminierungspolitik.
Ich hab aufgegeben, das anzudeuten, was in unserem regen Email-Wechsel Thema war, was du mit langen, ehrlich klingenden Sätzen begonnen hast. Wenn du auf die Mails zu sprechen kommst, spielen diese Sätze keine Rolle, nur alles andere, was drin stand.
Gefühle sind Tastaturen vorbehalten, stelle ich fest. Ich könnte auspacken, denke ich und weiß plötzlich nicht mehr womit. Was ich an dir schätze, wie ich die gemeinsame Zeit empfunden habe, mir künftig vorstelle und, dass du mir auch außerhalb des Facebook-Chats etwas bedeutest, erscheint mir belanglos. Wenn ich trotzdem darüber sprechen will, bleiben die Worte im Mund hängen. Sprachlosigkeit ist ansteckend, stelle ich fest und muss seufzen, als wir beim Thema „Transparenz in der Partei“ angekommen sind.
Manchmal erzähle ich etwas von meinen Erfahrungen. Du hörst zu, wie einer zuhört, der lieber von seinen erzählen möchte und nutzt meine Sprechpausen dafür.
Zum Anschmiegen bin ich noch gut genug, denke ich traurig, als ich deine Hand streichle und auf das Gedicht glotze, das deine Schwester in der Pubertät an deine Wand gekritzelt hat. Die Grammatikfehler wiegen mich in den Schlaf.
Auf der Party lerne ich dein neues Lieblingswort kennen: „Jein“. In einer Diskussion angewandt, kann man damit sagen: „Ich weiß es besser“, ohne sich einen Feind zu machen, weil der andere denkt, man würde auch ihm recht geben. Außerdem klingt man damit unglaublich souverän und objektiv. Du verwendest den Neologismus so oft, dass ich eine Strichliste führen will.
Zu Beginn der Party habe ich Lust zu trinken und lache mit dem Geburtstagskind über gemeinsame Festivalerlebnisse. Später stehe ich mit Weinglas und Kippe auf dem Balkon im Schnee, bei dem, der schon verheiratet ist. Im Gesprächsfluss rutscht mir der Begriff „Feminismus“ raus. Ich warte routiniert auf die Frage, ob ich Männer hasse, doch mein Gegenüber verzieht keine Miene und beklagt sich über den Mangel an Kindergartenplätzen. Erstaunt lächle ich ihn an und halte ihm mein Weinglas zum anstoßen hin.
Ich bin so froh darüber, dass ich schon vergesse, dass hier nicht alle so reagieren würden.
Als du in großer Runde von der Maschinenbau-Studentin erzählst, die so furchtbar unweiblich ist und die du deshalb „Bruno“ nennst, will ich dich fragen: „Ist das nicht…“ – „Sexistisch?“ beendest du meinen Satz und antwortest schnell selbst darauf „Nein“, als sei es selbstverständlich, dass du als Typ bestimmen kannst, welche deiner Handlungen sexistisch sind. Dann wendest du deinen Blick von mir ab und lästerst weiter über diese „Bruno“, die du bei Facebook leider nicht bestalken kannst, als sei mein Einwand nur ein Luftholen gewesen.
Ich nehme einen großen Schluck Weißwein, nicke, höre dir zu, schenke dir Rampenlicht aus meinem Dosenvorrat, wo ich noch ein eingemachtes Lächeln für dich finde. Dann versinke ich auf dem Sofa in mein Knicklichtarmband, bis es eingeschlafen ist.
Den Rest der Party, als alle Frauen gegangen sind, spielst du mit den anderen Ego-Ping-Pong: Wer weiß mehr über Soundqualität, Urheberrechte, Flugzeuge, Walter Moers und wer sagt öfter „Jein“. Ich bin selten so schnell eingeschlafen.
Am nächsten Tag, auf dem Rückweg zu dir, fragst du „Alles klar?“, wie einer fragt, der nur „Ja“ als Antwort akzeptiert. Ich denke: „Natürlich nicht, du Idiot“, sage jedoch brav „Ja“, als ich feststelle, dass ich kein normales Gespräch über meine Gefühle mit dir hinkriege, Probleme sind eine Nummer zu hoch. Ich beginne mir so sehr zu wünschen, dass du nach bohrst, ein Gespräch mit „Bist du sicher, du wirkst so…“ beginnst, als ich stumm aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Umrisse starre. Je länger du schweigst, desto weniger hab ich Lust, das Eis zwischen uns zu brechen.
Bei dir angekommen, langweilen wir uns nebeneinander und ich schmeiße einen Film rein, gegen die peinliche Stille. Hinterher beginne ich mich auf meine Weise zu rächen: Ich dusche zu lange, mach dein Duschgel leer, klaue deine Kondome, packe das Armband in den Koffer, das ich dir geschenkt hab und suche mir eine frühere Zugverbindung für die Heimreise aus. Als ich in meine Emails schaue und erfahre, dass ich eine 1,0 geschrieben habe, freue ich mich eine Stunde lang lauthals darüber, erzähle dir alles über das Essaythema, den Arbeitsprozess und genieße deinen gelangweilten Gesichtsausdruck.
Als du neben mir liegst, fällt mir auf, dass dein Teint nicht golden, sondern vergilbt ist und dein Geruch drückt mir in der Nase.
Ich bin erleichtert, dass du in der Nacht nicht meine Nähe suchst und traurig, weil ich weiß, dass du nie die Mauer zwischen uns ansprechen wirst.
Ich bin mir nicht einmal sicher, ob du sie bemerkt hast.

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