Neben der Spur des Regenbogens: Ich bin ein Schwules Mädchen.

Genderqueer-Girlfag
Genderqueer-Fahne mit dem Girlfagsymbol

Seit einem halben Jahr bezeichne ich mich als Girlfag. Ich habe lange dieses Begehren gespürt, nur fehlte mir die Sprache etwas zu erfassen, das es nicht zu geben schien.

Versuche meine Gefühle anderen näher zu bringen verursachten immer überforderte Gesichter. In ihren Augen sah ich kleine Warnlämpchen aufblinken: „Fehler im System! Fehler im System!“

Seit die Queerulant_in das Thema Girlfags und Guydykes als Schwerpunkt behandelt hat, hatte ich endlich ein Wort gefunden! Endlich wusste ich: Das existiert! Es schwirrte nicht mehr lose in meinem Kopf rum. Ich war völlig aus dem Häuschen, ein seltsames Kribbeln, ein: Ich bin nicht allein!

Gleichzeitig war mir klar, dass „Girlfag“ nur ein Versuch ist einem Begehren einen Namen zu geben und es für jede Person etwas anderes sein kann:
z.B sich als Frau schwulen Männern hingezogen fühlen, sich androgynen Männern hingezogen fühlen, als Frau das eigene Begehren für Männer als schwul empfinden – genderqueer oder genderfluid sein, ein „schwules Auge“ haben, Männer anders begehren als der Heteromainstream für Frauen vorgibt, „two boys for every girl“, sexuelle Praktiken und Fetische bevorzugen, die mit Schwulsein oder schwuler Subkultur und Ästhetik assoziiert werden wie etwa Lederbären oder Tom of Finland Bilder… und noch vieles mehr .

Die Wikipedia-Definition: Girlfag (oder „Schwule Frau“ mit großem „S“) ist der Ausdruck für Frauen, die sich besonders zu schwulen bzw. zu bisexuellen Männern und deren Umfeld hingezogen fühlen und/oder sich selbst als schwul definieren. Einige bezeichnen sich selbst als „genderqueer“ oder fühlen sich ganz oder teilweise als „schwuler Mann im Körper einer Frau“.

Wie hab ich meine Orientierung festgestellt?


Ich weiß noch als der viel gelobte Coming-Out-Film „Sommersturm“ herauskam und ich davon in der Bravo las. (Ich war damals 13) Ich bin zu dem Zeitpunkt noch gar nicht mit queeren Medien in Berührung gekommen. Die Inhaltsangabe und ein paar Screenshots lösten in mir so eine Unruhe aus, mir war klar, ich musste diesen Film sehen! Ich wusste nicht, was ich mir davon versprach. Doch es war nicht einfach Neugier! Kaum ein anderer Film hat mich so mitgenommen und berührt. Ich konnte mich auf eine Weise mit dem Protagonisten identifizieren, die mir bis dato neu war. Der Film sprach etwas in mir an, was ich nicht verstand, und mich viele Jahre nicht weiter beschäftigte.

In meiner Pubertät habe ich mich immer wieder in schwule und/oder androgynen Jungs verliebt. Es sprach sich in meinem Freundeskreis herum, dass ich wohl zu einer Rarität gehörte: Eine Frau, die es anregend fand Männern beim Knutschen zuzuschauen. (Nicht, dass ich daneben gestanden und geglotzt hätte!) Mein Freundeskreis hat sich das damit erklärt, dass es eben Hetentypen gab, die auf „Lesben-“porno standen und bei mir sei das halt umgekehrt. Es hat mich aber nie „so“ angeregt, ich hab auch nie Schwulenporno gesehen und den kurzen Ausbruch von Schmetterlingen im Bauch, wenn mir zwei händchen- haltenden Männer entgegen kamen, konnte diese Interpretation nicht erklären.
Während meiner ersten Beziehung, habe ich mich ab und zu gefragt, was mit mir nicht stimmt. Egal wie verknallt ich war, so ganz konnte ich mich mit der Idee eines heteronormativen Lebens und vor allem, als Frau in der Beziehung zu sein, nicht anfreunden. Da ich allerdings die passive Rolle einnahm, verwirrte mich das noch mehr, weil: Wenn ich doch den „weiblichen“ Part übernehme, warum fühlt sich das trotzdem so weird an als Frau mit einem Kerl zusammen zu sein? Ich hab das damals mit meinem Wunsch nach einer gleichberechtigten Beziehung interpretiert. Es blieben Gedanken im Hinterkopf.

il_170x135.230165840Als ich Jahre später anfing zu meiner Bisexualität zu stehen, begann ich darüber nachzudenken, wie gut der Begriff meine Sexualität abdecken könne.
Klar, ich begehrte auch Männer, aber ich begehrte sie irgendwie… anders. Ich beschrieb das als „schwulen Blick“ und wünschte mir wie ein Kerl zurück begehrt zu werden. Außerdem sprach mich schwule Ästhetik und Kunst sehr an, was meinen damaligen Freund sehr irritierte.
Saß ich mit Heteras zusammen, die von Typen schwärmten, fühlte ich mich wie in einem schlechten Hollywoodfilm gefangen. (Weil er „sooo groß“ und „sooo süß“ ist und „so breite Schultern hat“, echt jetzt?!) Sprach ich etwas aus wie „Sein großer Adamsapfel, und wie sich die Adern an seinem Hals abzeichnen und dieses Schlüsselbein und der Schamhaaransatz und der Hüftschwung und wie er den Mund leicht aufmacht, wenn er grübelt…“ wurde ich entsetzten angestarrt. In schwulen Kreisen fiel ich damit nicht auf. Sicher, es ist ein viel sexualisierender Blick auf Typen und nicht unproblematisch. Doch, dass Typen auf diese Weise angeschaut werden, ist etwas, das mit schwulem Begehren verknüpft wird, weil: Männer werden nicht begehrt, Männer begehren in der heteronormativen Welt.

Manchmal stand ich vor dem Problem, wenn ich mit einem Typen schlief, dass es mich deprimiert oder abgeturnt hat, wenn ich merkte: Er sieht mich als Frau.
(Auch hier: Ganz diffuse Gedanken oder seltsame Stimmungsschwankungen) Wegen Homosozialität begegnen Typen anderen Typen auf eine andere Weise als Frauen. In männlichen Kreisen, egal welcher sexuellen Orientierung, fühle ich mich oft so, als würde ich bestimmte, subtile, oder auch sehr offensichtliche Codes nicht kennen. Ich werde als Frau angesprochen, so angesehen… kein Entkommen. In einigen Männercliquen tat ich alles, um dazu zu gehören und versuchte die Situation zu vermeiden, wie die einzige Frau in der Gruppe behandelt zu werden, die ich war… vergebens. Ich konnte damals auch nicht fassen, was das genau war, das ich so krampfhaft umgehen wollte. Zu einem großen Teil ging es mir um Gleichberechtigung und darum, als einzige Frau in einer Männerclique „cooler als die anderen Mädels“ zu sein. Doch da war noch dieses andere diffuse Ding, das ich mir nicht erklären konnte.

Tja. Und dann kam es Jahre später dazu, dass ich eine Nacht vor Google verbrachte und Suchbegriffe wie „Frau mit schwulem Auge“ eingab, in der Hoffnung andere wie mich zu finden.
Meine Freundin bekam diesen Kampf mit und zeigte mir die aktuelle Ausgabe der Queerulant_in: Ein Volltreffer! Doch auch mit „Girlfag“ musste ich erst warm werden.
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Mein Gedankensalat: Was, ich und Schwul? Aber ich schau doch gar keine Schwulenpornos wie andere Girlfags!
Bin ich vielleicht genderfluid? Das fühlt sich schon so an. Aber ich will doch gar nicht maskulin sein… ich wär lieber eine Tunte! Warum soll ich kein femininer Typ sein können? Schwule Femme? Klingt komisch. Möchtegern-Tunte. Aber… dann bin ich ja nicht nur Schwul, sondern auch bi. Hä? Geht das? Kann ich jemals wieder Hetentypen daten, wenn ich mich vor ihnen oute? Wie wird das mein queerer Freundeskreis auffassen? Wie kann ich dieses Begehren überhaupt leben? Vielleicht bild ich mir eh alles nur ein.

Das leitete einen Entdeckungsprozess ein, in dem ich mich gerade befinde. Ich fantasiere davon mit abgebundenen Brüsten, als bärtige Tunte auf der Bühne zu stehen, eine Dreiecksbeziehung zu führen oder das Haustier eines homoflexiblen/bisexuellen Männerpaar zu sein… Ich bin genderfluid und will nen Typen, der (auch) Typen begehrt und das Männliche in mir sieht und begehrt. Ich bin sehr neugierig, was ich alles über mich erfahren werde und welche Wege ich finden werde, diese Orientierung – so weit möglich, zu leben.

15 Kommentare:

  1. Ich würde ja sagen, nutze die Definitionsmacht, dich selbst zu beschreiben – als Schwules Mädchen, als Tunte, was sich richtig anfühlt. Aber ich hab so viel Bi-Feindlichkeit erfahren bei diesen Versuchen, dass ich weiß, dass das nicht einfach ist. Ich wünsch dir alles Gute auf deinem Entdeckungsweg! <3

      1. Ja, ist auf jeden Fall ein Punkt. Allein gegen Bi-Feindlichkeit zu kämpfen ist schon schwierig, wenn dann noch Girlfags und Guydykes und andere Graubereiche dazu kommen, machen viele zu. Echt deprimierend. Und ironisch: Als ich an nem queeren bzw. schwul-lesbischen Ort gearbeitet hab und mich mit Coming-Out am Arbeitsplatz beschäftigen sollte und für mich jedoch die ganze Zeit feststand: Hier kann ich mich auf keinen Fall als bi outen. 🙁 Geschweige denn als Girlfag.

  2. Willkommen im Club 😉
    Interessant zu sehen, wie ähnlich sich nicht diese Outing-Stories oft sind – und im Endeffekt sind wir doch alle so unterschiedlich. Es freut mich, dass das Queerulant_in-Heft zur Aufklärung beitrug und dass es ein paar Menschen dabei half, endlich zu wissen, was mit ihnen los ist 🙂

    Danke auch für die Verlinkung.

    LG, Ili

  3. Ich habe diesen tollen Blogpost jetzt schon tagelang offen und wollte dir unbedingt noch was dazu hinterlassen. Du fasst vieles soooo toll zusammen und ich finde mich darin wieder, besonders in dem was du am Ende schreibst: auch ich fühle mich (wohl schon lange) genderfluid und definiere mich inzwischen auch offiziell so, und ich habe schon immer festgestellt wie schrecklich attraktiv ich lesbische Frauen finde. Wobei ich nicht mal weiß, ob „lesbisch“ für mich das wichtige ist, sondern vielleicht einfach „queer“? Ich finde es jedenfalls toll, wenn ich als AMAB von einer Frau wie eine Frau begehrt werden kann; aber es auch super finde in einer Frau das Männliche zu sehen und von ihr als Mann wie ein Mann begehrt zu werden. Was auch immer das irgendwie bedeuten mag – ich kann das gar nicht artikulieren. Es fühlt sich nur irgendwie… richtig an.

    Was mich dann zu der spannenden Frage bringt, ob schwule Frauen und lesbische Männer nicht irgendwie sehr häufig sowas wie genderfluid sind, vielleicht sogar nur beschränkt auf sexuelle Situationen? Und ob sie nicht vielleicht irgendwie ganz gut zusammenpassen würden, und miteinander genau das erleben können, was in diesen Fantasien immer so spannend, und gleichzeitig auch aufgrund der starken Begriffe so unmöglich erscheint…

    1. Hey, Natanji.
      Ja, das ist eine interessante Frage. Ich habe z.B festgestellt, dass ich mich auch zu anderen Girlfags hingezogen fühle, bzw. ich verknall oder begehre Frauen meist erst, wenn ich sie ein bisschen besser kennenlerne und da war die Verbindung zwischen uns, dass wir uns beide als Schwule Frauen verorten ausschlaggebend. Ich hatte früher mal was mit einem Typen, der sich inzwischen als Guydyke definiert und interessanter Weise, war genau sein Blick auf Weiblichkeit und seine Genderperformance, was ich so anziehend an ihm fand, noch bevor er sich als Guydyke bezeichnet hat.
      Interessant find ich auch, was du schreibst mit „genderfluid, (…) beschränkt auf sexuelle Situationen“, ist bei mir auf jeden Fall so: In anderen Lebensbereichen, hab ich seltener das Bedürfnis als Typ gelesen zu werden. Meine Sexualität hab ich aber schon als kleines Kind als männlich wahrgenommen, was teilweise andere Faktoren hat (Jugendzeitschriften…), aber auf jeden Fall so war. Ich bin auch fasziniert von „Male Bonding“, also wie Typen Freundschaften bilden und festigen, was weniger sexuell ist, doch ansonsten dreht es sich hauptsächlich um Sexualität. Ich glaub, wenn über Genderfluidität gesprochen wird, wirkt es oft so, als wären Menschen „mal männlich, mal weiblich“, aber dass sich das Genderfluide nur auf bestimmte Lebensbereiche beschränken kann, ist mir noch nicht so häufig begegnet. (Deshalb dachte ich auch lange: Ich kann doch nicht genderfluid sein, das ist nicht „richtig“ genderfluid.“

  4. Oh Gott, soviele neue Begriffe und Definitionen in meinem Leben aber ich hab das Gefühl du redest von mir und dem was ich mein Leben lang fühle.
    Schön zu lesen daß ich nicht alleine so bekloppt bin.

    1. Hey, Frau Anders. Freut mich, dass der Text diesen Effekt bei dir hatte. Über welche Begriffe und Definitionen bist du denn gestolpert? Ich verpeil es leider oft, Links zu kurzen Erklärungen einzufügen oder Sachen selbst kurz zu erklären und könnte das noch ändern, wenn du denkst, dass es dem Textverständnis hilft. 🙂

  5. Ämm…. wow.
    Ich war damals, in meiner Jugend, definitiv im „Club Yaoi“ und habe entsprechend auch immer andere Mädels gekannt, die auf androgyne, dünne, unmuskulöse Männer, schwule und/oder bisexuelle Männer und Männer standen, die mit den Geschlechterrollen spielten. (Ich konnte mich trotz aller Mühe auch nicht mit Visual Key als Musikstil anfreunden, aber GOSH! diese Männer!)
    Vermutlich war es dieser sozialen Blase geschuldet, dass ich mich in meiner Jugend noch als „relativ normal“ verstand und ich habe doch relativ spät erst gemerkt, dass ich mit meinem Desinteresse an maskulinen Männern mit Männermuskeln und meiner Vorliebe für androgyne bis feminine Männer, eine ziemlich exotische Position besetze.
    Auch ich bin bi, wobei ich meine Bisexualität lange „übersehen“ habe, da mein Blick auf Frauen sich ebenfalls… „männlich“ anfühlt. Ich ging daher immer davon aus, den „male gaze“ übernommen zu haben und nicht „wirklich“ auf Frauen zu stehen, zumal ich mit Jungs/Männern viel leichter auf romantischer und sexueller Ebene connecten kann. (Vielleicht macht auch das plötzlich Sinn, wenn ich bedenke, wie *schwierig* es ist, sich einer Frau als cis-Frau auf „männliche“ Weise zu nähern? omg…)
    Du merkst: Das muss ich erst einmal sacken lassen. Ganz viele Groschen fallen da gerade!

    Unter Anderem fällt auch grad ein Groschen – und das ist vielleicht ein Happy End für diesen Kommentar – warum ich in meiner aktuellen Beziehung total happy bin: Mein Freund ist ein 6 Jahre jüngerer, „süßer“ Mann, der total glücklich ist, mir gegenüber nicht Maskulinität performen zu müssen, der mir seine Hosen ausleiht und mir dann Komplimente macht, wie ich in ihnen aussehe (oder in seiner Jacke, oder mit seinem Hut….), der mit mir über schöne Männer spricht, dem ich drölfzig mal am Tag sagen kann, wie hübsch ich ihn finde und was genau ich an ihm hübsch finde und in welchen Situationen ich ihn hübsch finde und wie toll seine langen Wimpern sind und… naja, also in etwa, wie auch du auf Männer schaust, nur eben verbalisiert *g* und nunja, ich fühle mich geliebt als Mensch mit Brüsten und Vagina und Stuff und das ist schön, weil ich all das ja habe und ich mag auch begehrt werden, wenn ich Femininität performe, aber ich fühle mich eben auch als…äh… schwuler Mann hinter einer Frauenidentität…(wow, das ist ungewohnt auszuformulieren)… geliebt und das ist… ja, wow halt. So viel besser als Rosen geschenkt zu bekommen! 😉

    Sorry für den überlangen Kommentar, aber hach! Danke! Danke vielmals! <3

    Fruckel

  6. Nur ein kurzes DANKE für den Text und die ausführliche Beschreibung deines Erlebens.
    Ich habe schon lange, quasi im Scherz, von mir gesagt, ich sei wohl eigentlich ein schwuler Mann im Körper einer Frau, hahahihi, guter Witz und so – und nun fühlt es sich zml gut an, dafür Begriffe, Worte, andere Erfahrungen zu lesen!

    1. Danke für deinen Kommentar! Und entschuldige bitte meine späte Antwort. Ich wünsche dir, dass du deine richtigen Begriffe und Worte findest.
      Wie heißt es so schön: „Die Antwort auf die Fragen, die mit ‚Bin ich eigentlich der einzige…‘ anfangen, ist grundsätzlich ’nein‘.“ 😀

  7. Also ich muss sagen, dass es ir nicht anders geht. Ich dachte so lange, dass ich einfach bisexuell sei und einen extremen, fast schon abnormalen Fable für Schwule habe, aber dem ist anscheinend nicht so. Und es beruhigt mich zu wissen ein Teil von etwas zu sein, da ich sehr oft dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Mal abgesehen davon, dass ich nie wirklich wusste an wen ich mich bei dieser seltsamen Thematik wenden sollte.
    Es ist so beruhigend zu wissen, dass auch dich dieser Film auf fast dieselbe Weise berührt hat wie mich, denn Sommersturm UND Freier Fall waren so die ersten zwei Filme wo ich diese Sexualität für mich entdeckte. Ja, ich schwärme tatsächlich viel für Schwule, aber irgendwie hab ich auch ein gewisses Begehren als schwuler Mann gesehen zu werden, jedoch nur in bestimmten Bereichen. Ach… es ist so schwer zu erklären.

    Mein Freund toleriert das zum Glück total und ist ebenfalls bisexuell. Im Gegenteil… er hat sogar gesagt, dass er es schon vor mir wusste und ist glücklich darüber, dass ich jetzt noch mehr weiß wer ich bin und was ich will.

    Wir Girlfags sind wohl eine sehr spezielle Gattung, aber ich bin so froh nicht alleine zu sein. Danke für diesen Beitrag. Der hat mir echt sehr geholfen.

    1. Hey, LadyLuna! Danke, dass du deine Erfahrungen geteilt hast. 🙂 Es fasziniert mich immer wieder, dass es so viele Girlfags & Guydykes gibt, aber unsere Existenz für viele ein Widerspruch an sich ist. Mir hat auch geholfen sich mit der Geschichte von Girlfags zu beschäftigen, dazu hat Uli Meyer einen Artikel veröffentlicht: http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf Es gibt uns nicht nur, es gibt uns schon lange! 😀
      Toll, dass dich dein Freund so akzeptiert und diesen Aspekt von dir sieht. 😀
      Alles Gute!

  8. Hallole,
    den Artikel habe ich gelesen, oder eher verschlungen, weil ich versuche zu ergoogeln, ob meine eigene Gefühlswelt von anderen geteilt wird. Ich muss sagen, dann ich mich in einigem wiederfand. Danke für den Text. Ich versuche diese Woche noch einen ausführlicheren Kommentar hinzubekommen.

  9. Also nun ein weiterer Kommentar und eine Frage:

    Wenn du dich als Schwules Mädchen fühlst, bleibst du dabei quasi in deiner Person, behälst deine Identität oder schlüpfst du in eine andere, ausgedachte Person?

    Ich selbst habe mir eine zweite Welt ausgedacht, in der immer dieselben Personen vorkommen. Die Hauptpersonen sind ein schwules Paar, bei dem ich mich je nach Laune in den einen oder anderen hineinversetze. Sie haben eigene Charaktere und ihr ausgedachter Lebenslauf hat Elemente meines Lebens, also spielt teilweise an Orten, die ich kenne. Ich springe in ihrem Leben mal vor, mal zurück, füge neue Facetten, neue Begegnungen, neue Handlungsstränge ein, aber es ist dennoch wie ein Roman, dessen Handlung in meiner Phantasie seit etwa 20 Jahren oder so parallel zu meinem Leben verläuft. Mal nehmen diese Phantasien kaum einen Raum ein. Die Personen schlafen Wochen lang, dann sind sie aber wieder in meinem Kopf so präsent, dass sie mich sogar von der Arbeit ablenken. Das ist besonders in Phasen so, die für mich im realen Leben von Beziehungsunzufriedenheit geprägt sind. Die fiktive Welt, in der es auch Konflikte und Spannungen gibt, ist dennoch so eine Art Fluchtwelt. Ich denke, das klingt psychisch nicht ganz gesund. Ich kann das nicht beurteilen. Ich spreche nicht oder fast nie von diesen Phantasien.

    Da die Personen und ihre Erotik fiktiv sind, ist es natürlich keine Phantasie, die sich ausleben lässt, obschon mich Filme mit homoerotischen Inhalten sehr ansprechen – nicht Pornos im engeren Sinne oder ich es aufregend finde, wenn sich etwa bei einem Konzert, das ich besuche, neben mir zwei Jungs im Arm haben.

    Ich habe keine engen schwulen Freunde. Einmal habe ich einen erwachenen Schüler von mir über Jahre bei dem Prozess seiner sexuellen Selbstfindung begleitet und war total stolz, dass er mich als Frau dabei offenbar für eine verlässliche Ansprechpartnerin hielt. In die „Szene“ gehe ich nie, zumindest nicht hier, vielleicht weil ich keinen Türöffner habe.

    Vor 19 Jahren bin ich in den USA zufällig in den Haushalt eines homosexuell lebenden Journalisten mit Liebeskummer geraten, der mir, ohne dass ich ihn vorher gekannt hätte, sein Herz ausschüttete. Am kommenden Abend zog ich dann mit seinem (noch)Freund durch die gaybars, bekochte zwei Tage später eine Party mit den beiden und habe meine weitere Reise hauptsächlich in den entsprechenden Vierteln US-amerikanischer Städte verbracht, mir einredend, dass ich nur deswegen in Schwulenkneipen gehe, weil ich dort als alleine Reisende Frau so sicher sei…

    Warum genau mich schwule Erotik so anspricht, kann ich nicht sagen. Ich selbst habe immer wieder mit meiner weiblichen Identität gehadert, trug früher die Klamotten meines Vaters ab und wurde auch von heterosexuellen Männern sehr lange nicht als Frau wahrgenommen. Ich habe gebaggert, stand mit Blumen und Liebensbriefen vor der Türe der Männer, in die ich gerade verliebt war – und sie waren schockiert, weil ich doch ihr bester Kumpel sei. Ich habe Qualen gelitten, als ich mit einem Mann, in den ich schrecklich verliebt war, im Zelt durch Italien reiste und er so hervorragend neben mir schlief. Ich wollte, im Gegensatz zu dem, was du beschreibst, als Frau wahrgenommen werden, doch es gelang mir nicht, was sicher nicht nur an meiner Körpergröße (sehr groß) lag.

    Ich bin inzwischen verheiratet, wobei ich mich dabei von einer weiteren Vorliebe habe leiten lassen, auf die ich in diesem Zusammenhang nicht eingehen muss. Ich habe die letzten Jahre zuerst freiwillig die Rolle der Ernährerin übernommen. Mein Mann wollte Hausfrau sein. Da seine Begeisterung für den Haushalt nur von kurzer Dauer war, habe ich nun beide Rollen an der Backe. Ich verwöhne und bekoche gerne, bin in einer Partnerschaft wahrscheinlich ziemlich mütterlich, was jetzt nicht unbedingt zum Girlfag passt, bin aber trotzdem die, die die Termine im Kopf hat, das Geld verdient. Immer die Aktive zu sein – egal ob im sexuellen Zusammenhang oder wirtschaftlich, hat mich erschöpft. Ich löse mich gerade aus dieser Beziehung. Und da sind wieder diese Geschichten in meinem Kopf, diese unauslebbaren Sehnsüchte nach zwei männlichen Körpern…

    Ich bin gerade wieder gezwungen oder habe, positiv gewendet, die Möglichkeit mich wieder neu zu entdecken. Als Girlfag kann ich mich wegen des „Girls“ nicht fühlen. Ich bin Mitte 40.

    Wie gelingt es den anderen hier diese Sehnsucht zu leben? Bleibt sie eine Phantasiegeschichte? Genießtihr die Phantasiegeschichten oder lähmen sie euch beim Gestalten des realen Lebens?

    Viele Grüße!

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