Gute Opfer, schlechte Opfer

#MeToo: Warum ich schwieg, log und mich schämte und warum jede Form von Victim-Blaming gefährlich ist.

[Content Warning: Sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt, Freiheitsberaubung]

Zwei Stinkefinger, mit rot lackierten Fingernägeln, vor grünem Hintergrund.

Immer, wenn ich unter dem #metoo-Hashtag Erfahrungen anderer lese, höre ich die Stimme, die mir sagt: „Du darfst auch auspacken!“ und die Scham, die mich bei einem bestimmten Vorfall daran hindert. Aber ich habe mich endlich entschieden, das Erlebnis zu teilen. Davon wissen nur wenige Menschen, weil ich es oft nicht schaffe, darüber zu sprechen ohne mich selbst fertig zu machen. Egal, wie feministisch ich bin, es fällt mir trotzdem schwer, die Schuld nicht bei mir zu suchen. Das zeigt wie fucked-up Victim-Blaming und Rape Culture sind. Da aktuell ein Zeit-Artikel rumgeht, der Frauen dazu auffordert, sich einfach weniger zu schminken und nichts anderes als Victim-Blaming betreibt, führe ich anhand meiner Erfahrungen mal aus, was passiert, wenn man sich als Betroffene die Schuld selbst gibt. Kurze Antwort: Es spielt dem Täter in die Hände und fördert das Schweigen Betroffener. Nicht überraschend. Überhaupt ist das nicht etwa ein Thema, zu dem es nicht schon drölfzigtausend feministische Artikel gibt. Aber das reicht offensichtlich noch immer nicht.

Ich bin eine schlechte Bisexuelle und stolz drauf!

Ein Lolli mit einer Sprechblase, in der steht: "Bisexuals aren't real. We're just incredibly sexy hallucinations!"
„Bisexuals aren’t real. We’re just incredibly sexy hallucinations!“

Heute ist der 23. September 2017, also der Bi-Visibility-Day. Seit 2014 versuche ich für dieses Datum einen Artikel zu schreiben – eine Art Coming-Out-Text. Bislang bin ich immer daran gescheitert. Today is the day: Egal was heute (Ziel ist vor Mitternacht!) auf meinem Blog veröffentlicht wird – heute oder nie!
Warum fällt es mir eigentlich so schwer über meine Bisexualität zu schreiben? Bei den Poly- oder Girlfag-Artikeln hab ich’s doch auch geschafft. Vermutlich, weil ich sehr schnell in einer Schleife aus Rechtfertigungen lande: „Kuckt mal, ich bin echt! Akzeptiert mich!“ Das fühlte sich jedes mal falsch an, also ließ ich einen Entwurf nach dem anderen liegen. Oft merkte ich beim Schreiben, wie ich eigentlich nur versuchte zu beweisen, dass ich zu den „guten Bisexuellen“ gehöre. Ich hab den Mist zu gut verinnerlicht.

Polyamorie, Eifersucht & Ruhe finden

Eine Person liegt in der Badewanne und raucht
Eine Person liegt entspannt in der Badewanne und raucht. (Foto von Bart Scholliers)

Seit dem „Anxious Polys Unite“-Text ist viel Zeit vergangen und nach viel Poly-Drama und Endzeitstimmung habe ich so etwas wie Ruhe gefunden. Ich, die sich für einen hoffnungslosen Fall hielt und der einiger Leser_innen des genannten Artikels rieten es sein zu lassen, wenn „es nicht für dich ist.“

Ich finde es bemerkenswert, dass Menschen, die monogam leben und sich wegen eines Seitensprungs in einer Krise befinden, lauter Tipps bekommen wie sie es wieder hinkriegen, während das einzige, was einige Leute eifersüchtigen Polys zu sagen haben „Lass es halt“ ist.

Dieses Entweder-Oder-Denken über Bord zu werfen war entscheidend, um meiner langersehnten Ruhe näher zu kommen.

Ich will meinen Weg rekonstruieren – ohne es als Ratgeber zu meinen. Ich weiß wie sehr eifersüchtige Polys eine Abneigung gegen Ratgeber entwickeln können. 😉 Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja ein weiter „hoffnungsloser Fall“ darin wieder?

Vorweg genommen: Dies ist mein Narrativ und es muss nicht deines sein. Damit bin ich schon bei meinem ersten Punkt:

Das eigene Narrativ finden

Lebenszeichen! Aussicht auf neue Texte: Rekonstruktion & Selfcare

Puzzelstücke auf einem Teller
Puzzelstücke auf einem Teller, von Tochter Kampfstrumpf

Ich habe dekonstruiert bis mir der Boden unter den Füßen wegbrach. Theoretische Konzepte, die als Werkzeug gemeint sind, um Machtverhältnisse zu analysieren, nahm ich mir zu sehr oder falsch zu Herzen, sie potenzierten mein Grübeln und meine Selbstzweifel bis jeder Aspekt meiner Identität wackelig erschien.

Ich gebe nicht der Theorie die Schuld, ich halte sie nach wie vor für nützlich. Es ist die Art und Weise, wie ich sie verinnerlicht habe und wie sie sich in meine depressive Endlosspirale einfügte.

Mein bester Freund – der Feminist, der Masku, das Chamäleon?

Eine Männerfreundschaft, die an Sexismus zerbricht: Here we go again!

[Trigger-Warnung: Abusive Friendship, körperliche Grenzüberschreitung/ fehlender Konsens: die Stelle wird im Text markiert]

Vor sieben Jahren haben wir uns kennengelernt und wurden beste Freunde. Ich will mich noch ein mal erinnern. Vor sieben Jahren, an Valentinstag, denn das ist der Tag, an dem eine gemeinsame Bekannte von uns Geburtstag hatte. Es war ihr 18. Ich stand inmitten dieser Party, wo Chartshits liefen und in meiner Gruftie-Hochphase. Nach einigen erfolglosen Versuchen locker zu werden, beschloss ich, dass der Abend so nicht enden durfte. Ich schaute mich um und sah dich: Du saßt allein mit deinem Bier an einem Tisch und sahst so gelangweilt aus wie ich es war. Ich setze mich zu dir, fragte dich, ob wir uns gemeinsam langweilen wollten. Wir blieben nicht lang bei Smalltalk, denn schnell kamen wir aufs Schreiben, ich Lyrik und Kurzgeschichten, du Raptexte. Als Gruftie hatte ich meine Vorurteile gegenüber Hip Hop, doch ich wusste auch, dass ich keine Ahnung hatte und hörte dir zu, um nachzuvollziehen, was Leute daran mochten. Später standen wir vor dem Partysaal und ich rauchte meine erste Kippe mit dir. Du fragtest, ob ich mit zu dir nach hause kommen würde, wo du mir die Uhrensammlung deines Vaters zeigen wolltest. Da das nach der plattesten Anmache seit Menschengedenken klang, fing ich laut an zu lachen und war mir sicher, dass du das nicht so gemeint haben konntest.