Lebenszeichen! Aussicht auf neue Texte: Rekonstruktion & Selfcare

Puzzelstücke auf einem Teller
Puzzelstücke auf einem Teller, von Tochter Kampfstrumpf

Ich habe dekonstruiert bis mir der Boden unter den Füßen wegbrach. Theoretische Konzepte, die als Werkzeug gemeint sind, um Machtverhältnisse zu analysieren, nahm ich mir zu sehr oder falsch zu Herzen, sie potenzierten mein Grübeln und meine Selbstzweifel bis jeder Aspekt meiner Identität wackelig erschien.

Ich gebe nicht der Theorie die Schuld, ich halte sie nach wie vor für nützlich. Es ist die Art und Weise, wie ich sie verinnerlicht habe und wie sie sich in meine depressive Endlosspirale einfügte.

Mein bester Freund – der Feminist, der Masku, das Chamäleon?

Eine Männerfreundschaft, die an Sexismus zerbricht: Here we go again!

[Trigger-Warnung: Abusive Friendship, körperliche Grenzüberschreitung/ fehlender Konsens: die Stelle wird im Text markiert]

Vor sieben Jahren haben wir uns kennengelernt und wurden beste Freunde. Ich will mich noch ein mal erinnern. Vor sieben Jahren, an Valentinstag, denn das ist der Tag, an dem eine gemeinsame Bekannte von uns Geburtstag hatte. Es war ihr 18. Ich stand inmitten dieser Party, wo Chartshits liefen und in meiner Gruftie-Hochphase. Nach einigen erfolglosen Versuchen locker zu werden, beschloss ich, dass der Abend so nicht enden durfte. Ich schaute mich um und sah dich: Du saßt allein mit deinem Bier an einem Tisch und sahst so gelangweilt aus wie ich es war. Ich setze mich zu dir, fragte dich, ob wir uns gemeinsam langweilen wollten. Wir blieben nicht lang bei Smalltalk, denn schnell kamen wir aufs Schreiben, ich Lyrik und Kurzgeschichten, du Raptexte. Als Gruftie hatte ich meine Vorurteile gegenüber Hip Hop, doch ich wusste auch, dass ich keine Ahnung hatte und hörte dir zu, um nachzuvollziehen, was Leute daran mochten. Später standen wir vor dem Partysaal und ich rauchte meine erste Kippe mit dir. Du fragtest, ob ich mit zu dir nach hause kommen würde, wo du mir die Uhrensammlung deines Vaters zeigen wolltest. Da das nach der plattesten Anmache seit Menschengedenken klang, fing ich laut an zu lachen und war mir sicher, dass du das nicht so gemeint haben konntest.

Das 1. Anxious-Polys-Treffen, ein zweischneidiges Schwert

Als ich mit der Orga für den Anxious-Polys-Untite-Stammtisch begonnen hab, habe ich überlegt ob ich den Raum FLT (ein Schutzraum nur für Frauen, Lesben, Transpersonen) labeln will. Weil ich einerseits die Kritik and FLT-Räumen kenne: Sie schließen in der Praxis oft Transfrauen aus, und andererseits aus der queer-feministischen Bubble raus wollte, denn die in meinem Ausgangstext angesprochenen Probleme mit Polyamorie und Ableismus betreffen natürlich auch Cistypen und ich wollte auch Cis-Heteras ansprechen: Ich kenne einige heterosexuelle Cisfrauen, die sich nicht in FLT-Räumen aufhalten, aber mit Poly-Mackern zusammen waren oder sind und diesbezüglich Redebedarf haben. Also machte ich den Stammtisch „offen für alle sexuellen Orientierungen und Geschlechter“.
Hätte klappen können. Es gab aber Probleme.
Vielleicht kann es auch klappen, aber dafür muss ich einige Dinge ändern. Deswegen dieser Text.

Auch wenn der Stammtisch so offen ist wie er ist, muss klar sein, dass mein Selbstverständnis und mein Anspruch queer-feministisch ist, d.h es gibt ein paar Verhaltensregeln für einen respektvollen Umgang miteinander. Außerdem plane ich für nächsten Monat noch jemanden ins Boot zu holen, die_der mit mir zusammen Awareness macht (also die Ansprechperson ist, wenn es Grenzüberschreitungen gibt usw.)
Ich seh das 1. Treffen als sozusagen Testlauf und weiß nun an welchen Stellen es Probleme gab. Ich werde den Stammtisch weniger öffentlich bewerben, um so ein bisschen mehr Kontrolle darüber zu haben, über welche Kanäle Menschen darauf aufmerksam werden.
Wenn alle Stricke reißen? Plan B ist mich doch mit einem FLT oder vergleichbarem Konzept zurück in die queer-feministische Ecke zu verkriechen. Aber ich bin optimistisch und hoffe, dass das nicht passieren muss und gebe der offenen Runde eine Chance.

Auf Worte folgen Taten: Der Anxious-Polys-Stammtisch in Berlin

Ich bin sehr froh und immer noch überwältigt von der Reichweite und dem Interesse an meinem letzten Blogpost.
Da ich lieber außerhalb von Facebook diskutiere 😉 und das Thema noch lange nicht ausgeschöpft ist, habe ich nun einen Mail-Verteiler über Rise-up eingerichtet: anxious-polys-unite@lists.riseup.net

Die Idee mit dem Stammtisch hat sich auch realisiert:
Er findet jeden 1. Sonntag im Monat ab 19 Uhr im Café Morgenrot statt
(Kastanienallee 85, 10435 Berlin, M1 Schwedter Straße, U2 Eberswalder Straße).

Anxious Polys Unite!

Nicht wir Neurodivergenten, Eifersüchtigen und Unsicheren sind das Problem, sondern Poly-Ideale!

[Trigger-Warnung: Polyamorie und Ableismus, Erwähnung von Selbsverletztendem Verhalten im Abschnitt „Psychische Erkrankung versus abusive Relationship?“]

(cc) Annamaria B. – Bildbeschreibung: Zeichnung in Graustufen, zeigt Umrisse von Menschen, die alleine, zu zweit oder zu dritt, jeweils getrennt durch Wände, einander umarmen oder anders berühren. Einige Silhouetten sind dunkler: Diese Personen halten ihre Hände am Mauerrand und bilden so eine Kette.

Immer wenn ich mich in Poly-Kreisen aufhalte oder einen Ratgeber für polyamoröse Beziehungen aufmache, merke ich, dass ich nicht gemeint bin. Mein Eindruck ist oft, dass Polyamorie wie sie dort besprochen wird, für Menschen gedacht ist, die selbstbewusst und emotional stabil sind und auf keinen Fall eine psychische Krankheit haben. Oft stoße ich auf das romantisierte Bild vom Hippie-Poly-Haufen, wo die Partner_innen immer perfekt kommunizieren können und Eifersucht durch die einschlägigen Techniken kein allzu belastendes Problem darstellt. Ich kann verstehen, warum dieses Bild verwendet wird: In einer Gesellschaft, in der polyamorösen Menschen von allen Seiten gesagt wird, dass das ja sowieso nicht funktionieren kann. sind positive Darstellungen sehr nötig. Nur leider nicht sehr hilfreich für diejenigen, die sich überhaupt nicht darin wiederfinden können. Im Gegenteil: Sie erzeugen Druck diesem Bild zu entsprechen, sowohl in Poly-Kreisen als auch in der Monowelt, die jede Unsicherheit als den Anfang vom Ende wahrnimmt.
Dieser Text ist für alle, die in nicht-monogamen Beziehungen leben, ob sie sich poly, halb-poly, mono_flexibel oder ganz anders labeln, die mit Depressionen und/oder Anxiety, auf deutsch Angsterkrankungen, zu kämpfen haben und/oder mit mehr Unsicherheiten und Eifersucht umgehen müssen als andere Polys.

Nenn meinen Täter nicht Arschloch!

Warum Täter-Bashing für Betroffene grenzüberschreitend sein kann

[Content Warning: Kommentare auf Abuse-Erfahrungen, im Wortlaut nur Täter-Bashing, Victim-Blaming wird nur erwähnt.]

nennmeinentaeternicht

 

Ich habe einen Text über mein Zwangsouting veröffentlicht, der inzwischen, zumindest vorerst, mit einem Passwort versehen ist. (Wer ihn gern lesen möchte, kann mir auf Twitter oder auf tochterkampfstrumpf[at]web.de eine Nachricht schreiben.) Warum? Als ich vor einiger Zeit mehrere Kommentare von völlig unbekannten Leuten auf den Text bekam, war ich zwar erleichtert, dass es sich nicht wie sonst um ungewollte Ratschläge oder sogar Victim Blaming handelte, doch was ich da sah, stimmte mich auch nicht gerade glücklich.

Alle Kommentare machten den Täter fertig, in diesem Fall meinen Vater und ich las häufig „Arschloch“ und Vergleichbares. Einige verstehen womöglich nicht, warum Täter-Bashing ein Problem ist. Deshalb dieser Text.

Ich bin mehr als Ms. Sexpositiv!

Ein paar Gedanken zu Sexpositivismus in queeren Räumen

Noch bis vor kurzem hätte ich mich selbstüberzeugt als „sexpositive Feministin” bezeichnet und Leuten, die abfällig von sexnegativen Feminist*innen als „prüde Emanzen” reden, erklärt, warum das total veraltet, Alicer Schwarzer ist und wie anders und cool ich bin.

Das liegt daran, dass mich der Sexpositivismus in queeren Räumen sehr empowert hat, ich ein anderes Verhältnis zu meinem Körper entwickeln konnte und mich weniger für Promiskuität, BDSM etc. schämte, auch wenn ich natürlich noch immer in einem Prozess stecke. Ich feier(t)e Lady Bitch Ray und „Feuchtgebiete”, traute mich plötzlich über Sex zu reden und nachzudenken, ohne mich hinter einem Schleier von Peinlichkeit zu verstecken. Ich traute mich Kurzgeschichten mit expliziten Sexszenen vorzulesen und sprach öffentlich diese Ironie oder Doppelmoral an, in der wir einerseits permanent von sexualisierten, normschönen Körpern umgeben sind, uns der Imperativ: „Hab Sex, sei alles außer prüde, kauf Dildos, guck Pornos!” in den Hinterkopf gepflanzt wird, während es andererseits als eklig und verstörend empfunden wird, wenn eine Frau ohne Hemmungen und vulgär über Sex und Körperlichkeit redet, als sei das eine Negierung ihrer Geschlechtsidentität.

scriptfehler (kurzgeschichte)

[Content Warning: Es geht um BDSM und enthält einige sexuell-explizite
Stellen. Außerdem behandelt es eine missglückte BDSM-Affäre, aufgrund
von Sprachlosigkeit, Sexismus, fehlender Awareness.]

scriptfehler
ich drück mir die stöpsel tiefer in die ohren. der bus kommt, ich steige ein. song auswählen, den vom letzten mal, der die erinnerung frischer färbt. der bus fährt los.
ich schaue auf mein handy. hausnummer 21, hat Er geschrieben. dort wohnt Sie. Ich bin nicht aufgeregt. kein bewusstes atmen gegen die angst vor dem mut. nur ein versinken in der bassline und sich erinnern an Seinen satz: küss Sie, dass Sie nicht mehr aufhören will und mein Sie-mustern und abstellen des strawberrydaiquiriglas. der dumpfe klang auf dem tisch, meine armbewegung kündigen eine neue szene an. ab hier kein zurück mehr, das wäre ein scriptfehler. ein luftholen gegen die angst vor dem mut. und dann die feine pinselführung, Ihr rot geschminktes lächeln. es schmeckt süßlich und schüchtern. Sie will nicht aufhören, ist es, die mich wild umschlingt, Ihre beine um mich schließt. ich schmecke den duft in Ihrem nacken, rosa und ein bisschen bordeaux. ziehe die linie Ihrer taille nach. fühl mich viel zu groß, mit meiner hand, die Ihre ganze brust bedeckt. bin der macker aus den filmen mit einer zierlichen lady auf dem schoß. bin breitbeinig und überfordert. geschlechtergrenzen im kopf verwischen. ich bin gleichzeitig. genieß unsere neugierigen finger. sehe Ihn, wie Er uns beobachtet, mit selbtgefälligem grinsen: der anfang ist gemacht, mit lesbenintro, jetzt gehts los. Er merkt nicht, dass ich schwul bin, als ich Ihn liebkose. bin wieder frau, als Er mich in die knie zwingt. submissiv, masochistin: Er zieht mir meine alte rolle an. zieht mich aus.

Girlfags und Fangirls

MittelfingerWer sich mit dem Thema Girlfags & Guydykes auseinander setzt, stellt schnell fest, dass sie in vielen queeren Kreisen alles andere als akzeptiert sind. Horrorgeschichten tauchten auf, von Frauen, die Gayromeo-Profile faken, um schwule Männer zu daten und „umzudrehen“. Eine Bekannte von mir wurde aus einer schwulen Beratungsstelle gejagt, als sie dort über die Verwirrung mit ihrer neu entdeckten Orientierung sprechen wollte.
Girlfags seien bloß Fetischist_innen, die Männer objektifizieren oder naive Yaoi/BL-Fans. Und Guydykes… gefährliche Typen, die Lesben belästigen.
Ich habe die Vermutung, dass viele Missverständnisse daher resultieren, dass der Begriff GirlFAG (Cis-)Schwulsein festzuschreiben scheint – vielleicht kommt daher die Panik, dass die große Girlfags-Armee schwule Räume stürmt und die Cis-Typen belästigt. Als hätten Girlfags nur die Option…